Lara Rüter
Formula 977
Meine Mutter sprach mit Geistern.
Das war ein schwieriges Unterfangen, es hatte etwas Verbotenes und war oft nicht ungefährlich. Die Geister nutzten merkwürdige Sprachen und drückten sich geheimnisvoll aus, doch meine Mutter kannte die Regeln einer Séance gut und war vorsichtig. Sie benötigte zwei reinweiße Kerzen, ein Räucherstäbchen mit weißem Salbei, ein Ouija-Brett und eine Holzplanchette mit einem Loch darin. Das Ouija-Brett bewahrte sie in einem wunderschönen und weichen Samtsack auf, um das heilige Objekt zu schützen. Darauf waren alle Buchstaben des Alphabets sowie YES, NO und Ziffern eingraviert. Sie begann die Zeremonie mit einem Innehalten, schloss die Augen und legte zwei Fingerspitzen jeder Hand auf die Planchette, so, dass sie sich ein wenig krümmten. Die Fußsohlen mussten flach auf dem Boden aufliegen, um den Kontakt zur diesseitigen Welt zu sichern. Wenn die Füße kribbelten, sagte meine Mutter: Wir rufen dich, Geist, Geist von Helmut, wir rufen dich, Helmut. Sie wartete. Es wäre riskant, einen beliebigen Geist zu rufen, weil sich auf diese Art leicht ein böser einschleichen konnte, deshalb rief sie einen kürzlich gestorbenen Bekannten. Wichtig war, dass die Person noch nicht allzu lange tot war, damit der Geist sich noch in der Zwischenwelt befand. Ist ein Geist hier?, fragte sie. Wenn du hier bist, gib uns ein Zeichen.
Ich öffnete die Augen und linste zu meiner Mutter, deren Gesicht völlig ausdruckslos war, dann betrachtete ich meine Finger auf der Holzplanchette. Weil nichts geschah, befürchtete ich, dass es an mir lag. Vielleicht war ich zu jung. Oder noch schlimmer: Vielleicht war ich keine Hexe. Dann bewegte sich die Planchette auf YES. Sie flitzte geradezu und unsere Finger mit. Meine Mutter lächelte mich an, und das war ein gutes Zeichen, das hieß: Er war hier. Die Planchette raste von selbst über das Brett, schien nicht mehr stillstehen zu wollen. Durch das Loch lasen wir die Nachricht ab. Ich war erleichtert, ich war doch eine Hexe. Aber dann begriff ich, dass das Lächeln meiner Mutter nicht mir galt, sondern ihr selbst. Sie war die Hexe.
Die Autismus-Diagnose bekomme ich mit vierunddreißig. Eigentlich will ich nur Medikamente gegen Depressionen und Angst von der Psychologin, aber sie eröffnet mir geradeheraus, dass das höchstwahrscheinlich nur Sekundärsymptome sind. Lange schien es, als wären überwiegend Männer auf dem Spektrum, erklärt sie, und ich denke über diese merkwürdige Formulierung nach. Spektrum, spektral, Radiowellen, das Wort lässt mich an Regenbogenfarben und Kristalle denken, während sie weiterspricht: Bis man gemerkt hat, dass Frauen durch ihre weibliche Sozialisation einfach durchs bisherige Diagnose-Raster fielen, weil der Fragebogen auf Männer ausgelegt ist. Still, schüchtern, anpassungsfähig waren sie ohnehin so, wie die Gesellschaft sich kleine Mädchen vorstellte, und ihre Nerdyness bestand oft aus typisch weiblichen Hobbys wie Pferden, Schminken oder Ballett.
Ich habe noch nie überlegt, ob ich eine hochfunktionale Autistin sein könnte, und tatsächlich ist mein erster Gedanke: Bitte nicht noch etwas, was ich anderen unmöglich begreiflich machen kann. Ich hielt mich einfach für übersensibel, manchmal schwierig und ungenügend, hauptsächlich, weil andere mir das spiegelten, und kenne nur die Autismus-Klischees, wie den Weirdo aus Big Bang Theory oder das Genie von Rain Man, die ich beide nicht auf mich beziehen würde.
Dann macht alles für mich Sinn. Autismus ist keine Krankheit. Ich würde es eher als eine Form der Wahrnehmung beschreiben. Eigentlich möchte ich gar nicht beschreiben müssen, wie es sich für mich anfühlt, aber eine Antwort darauf könnte in einem meiner Lieblingsgedichte stecken, in Katharina Schultens als ich verrückt wurde:
meine schablone verrutscht um einen millimeter
während die welt mich noch fertig ausmalt
also kann ich jetzt geister sehen, und viren
ihre netze um die welt und deren malkasten
Wie es ist, Details und Strukturen zu erkennen, die andere nicht wahrnehmen, sich verschoben fühlen, in einer leicht anderen Welt, wie ein Alien. Und das endlose Abscannen der Umwelt. In Gesprächen gestresst und nicht richtig dabei sein zu können, weil ich mit Nachdenken beschäftigt bin: Wie meine Haltung ist, welche Gefühle mein Gegenüber hat, und was bedeutet nur dieses Lachen, ich habe doch nichts Witziges gesagt? Dann wiederum sind da klare netze, die ein Gespräch zusammenhalten, doch hält sich jemand nicht an die Regeln, verunsichert mich das. Eigentlich macht es mich wütend und hilflos.
Die Diagnose kam spät, aber sie erhellt mein Leben. Nicht, weil ich froh bin, autistisch zu sein, da bin ich neutral bis neugierig, eher bin ich froh, dass es überhaupt erkannt wurde. Es erklärt mir etwas, das ich immer schon wusste.
Die Diagnose wirft noch ein ganz anderes Licht in mein Leben, denn die Psychologin fragt: Könnten Sie das von jemandem geerbt haben?
Der Mann sagt: Ja, das klingt sehr logisch.
Mario sagt: Oh, das tut mir sehr leid.
Lia sagt: Nice! Willkommen im Club der Neurodivergenten!
Moritz sagt: Ja, du bist wirklich der unspontanste Mensch, den ich kenne.
Meinem Adoptivvater sage ich gar nichts.
Mit meiner Geburt zog ein Dämon in unser Haus ein. Er lebte im Schornstein und rief meinen Namen: Komm zu mir, Lara. Komm in den Schornstein. Es spukte. Ein Nussknacker verschwand vom Tisch, tauchte in einer Schublade wieder auf. Eine Kerze war von selbst heruntergebrannt. Der grüne Regenschirm war unauffindbar, und auch die Lieblingsschuhe meiner Mutter gab es von einem Tag auf den anderen nicht mehr. Nachts ging plötzlich die Deckenlampe im Wohnzimmer an. Meine Mutter fühlte die dämonische Präsenz im ganzen Haus, doch im Bett war es am schlimmsten, denn der Schornstein führte direkt durch ihr Schlafzimmer. Sie hörte die Stimme bald überall und ließ mich keine Sekunde aus den Augen, trug mich dicht am Körper. Beim Schlafen legte sie mich auf ihre nackte Brust. Sie behauptete, dass sie wochenlang heimgesucht wurde, doch wie lang genau, bevor sie den Traum hatte, wusste sie nicht:
ein Gespenst fiel
auf die Kindsmutter
wie eine schwere Last
im Schlaf
wälzte sich auf ihr
hätte das Kind genommen
fielen fünf Pfund
von ihr ab
hätte sie es nicht
umfasst
Die Gestalt wollte ihr Kind nehmen. Meine Mutter schreckte hoch und schrie, womit sich die Spannung löste und die Gestalt verschwand. Das Baby ließ sich nicht beim Schlafen stören, hatte den Kopf zur Seite geneigt. Sie blickte zum Spiegel in sein Gesicht, aber es trug kein Babygesicht, sondern das ihres verstorbenen Vaters. Seine Augen waren ruhig, er lächelte sie an. Vielleicht hatte sie ihre Angst in den letzten Wochen aufgebraucht, aber sie wusste mit einem Mal, dass sie wieder allein mit dem Kind im Haus war. Der Dämon im Schornstein war verschwunden, ihr Schreien hatte ihn vertrieben. Nein, ihr Vater hatte sie gerettet. Sie sagte: Ich bin so glücklich, dich wieder zu haben. Meine Lara, mein Wunschkind, mein Ein und Alles.
Wenn man etwas in den Schornstein hängt, übergibt man es den Flammen, lese ich. Es darf vergehen, Asche werden. Im übertragenen Sinn heißt das also, dass man etwas loslassen muss oder aufgibt. Ich lese auch, dass der Schornstein im Volksglauben als die Verbindung zwischen dem Reich der Toten und dem Reich der Lebenden gilt. Hexen fahren durch ihn ein und aus, im Märchen spricht man durch ihn mit Geistern, und stirbt ein Mensch und man vergisst, das Fenster zu öffnen, verlässt seine Seele durch den Schornstein das Haus in die Hölle. Im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens steht: Der Wechselbutt holt die kleinen Kinder durch den Schornstein. Läßt man ein Kind unbewacht in seiner Wiege liegen, ohne es (durch Besen, Brot, Gesangbuch, Messer) zu schützen, so kommt der Alp durch den Schornstein im Wirbelwind herabgefahren und vertauscht das Kind mit seinem eigenen.[1]
Es gab keinen Kamin im Haus, nur eine Heizungsanlage. Ein typisches Reihenhaus der siebziger Jahre, hart erarbeitet von meiner Oma, die Ende der Achtziger nach Mallorca ausgewandert war. Seitdem wohnte meine Mutter alleine darin. In einer alten E-Mail finde ich überraschend einen Absatz zu unserem Schornstein. Sie ist stolz, dass sie ihn so gut selbst gereinigt hat, dass der Schornsteinfeger beeindruckt war. Wiederholung bekräftigt: Stolz, stolz, stolz. Ich höre ihre Stimme im Kopf, euphorisch. In diesem Moment hatte sie den Schornstein unter Kontrolle.
So wie ich der Dämon meiner Mutter war, ist meine Mutter meiner.
Dass autistische Menschen ein Auge für Dinge haben, die anderen vielleicht entgehen, bedeutet nicht, dass sie Dinge sehen, die es nicht gibt. Viele sind feinfühlig, und für sie ist es das Normalste von der Welt, Zusammenhänge und damit Sicherheit durch Musterabgleich herzustellen. Dass das für viele nicht normal ist, merken sie vor allem durch ihr Umfeld, das ihnen das Gefühl gibt, sie seien komisch. Meine Mutter baute sich aus dem Haus meiner Oma eine Festung. Eher so etwas wie eine Puppenhausfestung. Es gab ein Farb- und Musterschema für die Einrichtung, sie zog einen hohen Zaun um den Garten, pflanzte eine große Zierkirsche in die Mitte der Rasenfläche, die die Sicht von oben verdeckte, pflegte Kontakte vor allem telefonisch. Sie legte Vorräte an, Nudeln, Nudelsoßen, Tiefkühlgerichte, kaufte sich eine Campingausrüstung für den Notfall. Sie behielt ihre Routinen täglich bei. Wer sie störte oder kritisierte, wurde nicht mehr hereingelassen oder angerufen. Ich vermute, sie hielt das alles für eine Form der Selbstwirksamkeit. Damit stellte sie einer undurchsichtigen, chaotischen Welt Stabilität entgegen. Jetzt weiß ich, dass sie von einer Depression in die nächste fiel. Unterbrochen nur von Zeiten, in denen sie permanent an Projekten arbeitete, sogar ohne Schlaf, sodass sie zunächst kaum merklich tiefer hineinrutschte, dann mehr und mehr, bis sie weit von mir entfernt war.
Die Dämonen von Heiligabend hießen: Drosophila melanogaster. Ephestia kuehniella. Dermestidae. Acarus siro. Sitophilus granarius. Dictyoptera. Arachnida. Ich war gerade aus Leipzig angekommen, stand in der Küche und meine Haut kräuselte sich: An den Schranktüren Mehlmotten, in den Ecken der Fußleisten Insektennester, irgendein Käfer vermutete ich, Fruchtfliegen und kleine Krabbeltiere auf der Theke, gut getarnt zwischen Brotkrümeln. Ich fand abgelaufene Lebensmittel, steinhartes Weingummi, verschimmelte Kaffeekapseln in der Maschine. Das an die Küche anschließende Wohnzimmer roch muffig und schien von innen gepufft, als wäre der Raum kleiner als früher. Auch dort standen überall Dinge herum: Hundespielzeug, Kartons, Kissen, Müll, Schnickschnack-Deko. Ich kam mir vor wie in einem verwaisten Puppenhaus, das lang nicht bespielt worden war. Die einzige Weihnachtsdeko war eine Lichterkette mit Sternen im Fenster, nicht eingeschaltet. Es war so viel los, ich hab einfach nichts geschafft in der letzten Zeit und der Fernseher hat seine Funktionen …, sagte meine Mutter vage und ging zum Rauchen in den Keller. Wenigstens sind wir zusammen, wollte ich noch sagen.
Kurz zögerte ich, aber dann suchte ich unter der Spüle nach Schwamm und Putzmittel und begann, die Dämonen zu bekämpfen. Ich wollte Weihnachten vor ihrer Depression retten, vor dem Dreck, dem Ungeziefer, denn sie liebte Weihnachten. Der Schwamm fühlte sich an, als würde er jede Sekunde in meiner Hand zerbröseln, steif und porös. Ich saugte Nester weg, Spinnenweben und kleine Larvenstuben, während sich eine Ameisenstraße den Weg über meinen Nacken bahnte, ich schmiss altes Brot in den Müllsack, während sich eine Spinne von meiner Nase abseilte, ich schäumte eingetrocknete Saftreste und tote Fliegen fort, während Motten die Nähte meiner Kleidung untersuchten. Ach, das hättest du doch nicht machen müssen, sagte sie, als sie aus dem Keller zurückkam, sie roch nach Rauch und den Dufttüchern aus der Wäschetrommel, die sie gegen den Zigarettengestank dazutat. Sie müsse auch noch Haare waschen, sagte sie, aber als ich meinte, kein Problem, keine große Sache, war sie wieder im Keller verschwunden.
I have this demon who wants me to run away screaming if I am going to be flawed, fallible. It wants me to think I'm so good I must be perfect. Or nothing[2], schreibt Sylvia Plath in ihrem Letter to a Demon. Perfekt oder Nichts. Auch für meine Mutter gab es nur diese beiden Möglichkeiten: Perfektion oder Auslöschung. Ein perfektes Weihnachten sollte es jedes Jahr werden, es war das Fest, in das sie normalerweise viel Detail und Hingabe steckte, fast schon verbissen. An diesem letzten kam sie mir flatterig und wirr vor, schien mir durch die Finger zu glitschen.
Eine blass schimmernde Schabe raste über den Boden, ich wischte ihr hinterher, Ihr Kinderlein, kommet, oh kommet.
Meine Mutter glaubte nicht an Gott, aber an das Böse und an den Teufel. Schon sehr jung durfte ich mit ihr Horrorfilme schauen, und mir gefiel, dass meine Lehrerinnen schockiert waren. Wie ein Sieg: Ich war anders, mutig. Wir schauten Omen (1976), Der Exorzist (1973), The Sixth Sense (1999) und viele andere, relativ beliebig. Es gab viel kennen zu lernen: Knoblauch, Holzpflöcke, Pentagramme, Heilzauber und Amulette. Vielleicht hatte ich zu Beginn Angst beim Schauen, aber ich wusste, sie würde mich albern nennen, weil es nur ein Film war. Ich gewöhnte mir Coolness an. Als Kind hatte ich nie Albträume von Horrorfilmen, ich träumte nur vom Verlassenwerden und Alleinsein.
Nur eines Nachts, ich war noch sehr klein, stand ein riesiger Hase auf meiner Fensterbank, auf den Hinterpfoten. Er hatte keine Augäpfel mehr, die Lider waren eingefallen und verklebt, er besaß graubraunes Fell und starre Ohren. Ich kann ihn heute noch vor mir sehen. Ich schrie laut nach meiner Mutter und versuchte zu erklären, warum der Hase, der gerade noch da gewesen war, mir etwas Böses wollte, versuchte, die Atmosphäre und meine Gefühle in Worte zu fassen. Meine Mutter lächelte mich nicht beruhigend an. Meine Mutter sagte nicht, ich habe nur geträumt. Meine Mutter nahm mich nicht in den Arm. Meine Mutter erzählte, dass mein Gefühl richtig sei, denn der Hase sei ein dämonisches Hexentier, und Hexen verwandelten sich am liebsten in Hasen. Meine Mutter sagte, sie bedeuten Unglück, Krankheit oder den Tod, und oft sitzen sie im Wind und stiften Chaos. Meine Mutter erklärte, im Haus sei der Hase ein sicheres Zeichen für umgehende Geister oder Dämonen, vielleicht sogar für den Teufel. Aber sie hatte eine Lösung. Da wir aber nicht wüssten, welcher Art er sei, wäre das Einzige, was wir jetzt versuchen könnten, ihn wegzuspucken.
Ich spuckte dreimal auf die Fensterbank, über der mein Mondlicht baumelte.
Den Tod zu erspüren, liegt in meiner Familie mütterlicherseits:
• meine Mutter träumte den Tod unserer Nachbarin, obwohl sie nicht wusste, dass sie krank gewesen war;
• während einer Séance verriet ihr ein Geist, dass ihr ehemaliger Chef sterben würde;
• als Tante Jutta starb, stand es in den Tarotkarten;
• als Kind hatte sie Tagträume von Naturkatastrophen und Unglücken, die sie später in den Nachrichten Wirklichkeit werden sah;
• Oma Inge hätte nachts nicht eine Minute geschlafen, trotz schwerer Tagschicht und Rufbereitschaft. Dann sei das Telegramm mit der Nachricht gekommen, ihr Bruder sei tödlich verunglückt;
• als Omas Großvater an der Front starb, sei bei ihr im Wohnzimmer sein Bild von der Wand gefallen. Einfach so, der Nagel noch darin;
• ein starker Luftzug hätte nachts die Zimmertür von Omas Bruder aufgeweht und ihn geweckt. Am Morgen fand er die Mutter tot nebenan;
• in der Nacht nach seinem Tod sei der Vater meiner Mutter bei meiner Oma gewesen und habe sich verabschiedet.
Sammle ich jetzt aus verschiedenen Briefen, Mails und Erzählungen diese Punkte, fällt mir auf, dass meine Mutter nicht vom Geist ihres Vaters besucht wurde. Sie hatte auch keinen Abschied von ihm genommen. Sie schrieb: Ich […] habe es zumindest bei meinem Vater nicht gekonnt. Ich habe nie gefragt, warum. Sie vergötterte ihren Vater, von allen fühlte sie sich ihm am nächsten: Er war wie ich. Vielleicht wollte sie genau darum nicht hin, überlege ich, vielleicht wollte sie sich schützen oder es nicht wahrhaben oder ihn lebendig in Erinnerung halten, ihn nah behalten … Ich kann nur vermuten, aber ihre Worte brennen sich ein: Niemand hat mich je besser verstanden als er. Niemand hat mich je mehr geliebt als er. Sein Tod war das Ende meiner Kindheit, das Ende aller Sicherheit, die ich je empfunden habe. Der Schmerz der Fünfzehnjährigen scheint selbst im Alter kein Stück abgeklungen zu sein. Ihre Trauer kannte keinen Trost, keine Zeit, keine Heilung, und sie konnte sie auf Knopfdruck hervorholen. Ihr Schmerz wurde mein Schmerz. Sie war sich todsicher: Ihr Vater hatte sie mehr geliebt als ihre Mutter ihre Kinder, mehr als je ein Mann. Nicht nur mein Mitgefühl für ihren Schmerz tut mir beim Lesen weh, sondern auch dies, schwarz auf weiß: Sein Ideal der Liebe war für immer unerreichbar. Egal, wie sehr ich sie liebte, konnte sie es nie im gleichen Maß fühlen.
Mit Mitte zwanzig ließ ich mich endlich impfen. Die Ärztin in dem dunklen Behandlungszimmer mit unzähligen Aloe- und Spuckpalmen-Ablegern fragte, wogegen, und verlangte meinen Impfpass. Gegen alles, sagte ich, was man eben so normalerweise impft. Das kommt ja immer drauf an, was abgelaufen ist, sagte sie, und ich: Ja, stimmt. Ohne Pass ist das jetzt schlecht, sagte sie, kommen sie noch mal wieder. Aber ich muss doch noch geimpft werden, entgegnete ich verwirrt. Ohne Pass geht das aber nicht, sie nahm die Brille ab und legte sie vor sich auf den Schreibtisch, was mich noch mehr durcheinanderbrachte, ich sagte: Ich kriege den Pass doch, wenn ich geimpft werde, dachte ich.
Bis sie verstand, dass ich noch nie gegen irgendwas geimpft worden war, egal ob Tetanus, Röteln oder Hepatitis, Mumps oder Masern, spielten wir einen unangenehmen Wortwechsel durch. Oh, sagte sie schließlich, und nahm ein brandneues gelbes Heft aus der Schublade.
Ironischerweise ließ meine Mutter mich aus Angst davor, ich könne autistisch werden, nicht impfen. Dieses Gerücht kursierte in den neunziger Jahren für eine kurze Zeit aufgrund einer unseriösen Studie. An der vermeintlichen Studie waren nur zwölf Kinder beteiligt, deren Daten zusätzlich gefälscht wurden. Obwohl ich ziemlich schnell begriff, dass die Einstellung meiner Mutter Unfug war, hatte ich die Impfungen nie nachgeholt. Ich habe nicht dran gedacht, sagte ich der Ärztin, die ihre Brille wieder aufgesetzt hatte und mich mit einer Mischung aus Skepsis und Genervtheit anschaute. Dass das eine dumme Ausrede war, wusste ich, sobald ich es aussprach, aber was sollte ich sonst sagen? Dass ich mich schämte? Dass ich es in Wahrheit nicht über mich gebracht habe, meiner Mutter zu widersprechen? Dass etwas in mir das Gefühl mochte, ein Rebell, anders zu sein? Dass ich unter ihrem Bann stand, auch Jahre nach meinem Auszug? Dass eine Impfung bedeutet hätte, dass sie mich weniger geliebt hätte, und dass ich das nicht ertrug? All das sagte ich nicht. Stattdessen nahm ich mir vor, alle möglichen Impfungen zu sammeln, wie ich als Kind Sticker in meinem Sailor-Moon-Paniniheft gesammelt hatte.
Zu Beginn der Pandemie beichtete ich meiner Mutter die Impfungen. Ich hoffte, dass ich sie damit überzeugen könnte, es auch zu tun. Oh nein, sagte sie nur, oh nein.
Ich habe kein Problem mit ihrem Interesse an Hexerei, denn auch wenn ich nicht an Magie und Waldgeister glaube, finde ich die Gründe, aufgrund derer sich bestimmte Praktiken entwickeln, faszinierend. Sich übertrieben in eine Sache hineinzufuchsen, ist eines der Merkmale von Autismus. Auch die Intensität ihrer Spezialinteressen, ob Hexerei, Hundehaltung, Computerspiele oder Küchenumbau, war für mich oft nervig, aber harmlos, obwohl sie zeitweise täglich Tarot mit Skatkarten legte und über Stunden hinweg ausdeutete und verschiedenste weiße Kerzen, Amulette und Räucherstäbchen besaß.
Mein Problem an der Sache mit dem Ouija-Brett ist auch nicht, dass sich die Planchette bewegt hat. So unwahrscheinlich es klingt: Das ist tatsächlich passiert, ich war dabei. Das Ganze nennt sich Carpenter-Effekt und hat etwas mit der Anspannung der Muskeln zu tun. William B. Carpenter legt in Nature and Man schon in den 1850er Jahren aus wissenschaftlicher Perspektive dar, warum allein die Idee einer bestimmten Bewegung auch die Ausführung ebendieser Bewegung auslösen kann: Ideomotorik. Ideen, mit denen das Hirn momentan beschäftigt ist, werden hier durch Bewegungen ausgedrückt; die Ideen können mit Emotionen vermischt sein, und unter ihrem suggestiven Einfluss kann sogar Intellektuelles ausgeführt werden, schreibt er.[3] Meine Mutter war alles davon gewesen: angespannt, hochkonzentriert und gereizt. Ohne, dass sie davon wusste, könnte ihr Gehirn so Bewegungsbefehle an das muskuläre System gesendet haben. Die Geisterplanchette ist nicht mehr als ein Reflex, ja, aber ein sehr realer Reflex, zumindest für diejenigen, die dafür empfänglich sind. Auch der Kohnstamm-Effekt spielt bei dem Ouija-Phänomen eine Rolle: Als Kind stellte ich mich manchmal in den Türrahmen und drückte beide Arme ganz fest oberhalb meines Kopfes an die Tür. Nahm ich sie nach ein paar Minuten wieder herunter, bewegten sie sich von selbst nach oben.
Mein Problem ist auch nicht, dass sie eine Hexe war und ich ganz sicher nicht. Auch nicht, dass ich kläglich und kindlich scheiterte mit meinem Nacheifern: Ich gab mein Taschengeld für billige Kerzen aus und baute einen Hexenzirkel im Keller, streute mit Salz ein Pentagramm, um Dämonen einzusperren. Im Supermarkt kaufte ich Kräuter. Thymian, Oregano und zur Sicherheit eine Gewürzmischung namens Italian Allrounder. Ich rief die Himmelsrichtungen an, genauso wie es in dem Hexenbuch stand, das ich gemopst hatte. Ich wollte sein wie sie, aber in ihren Augen spielte ich nur.
Mein Problem mit dem Ouija-Brett liegt darin, dass meine Mutter felsenfest davon überzeugt war, dass es funktionierte. Egal, was ich ihr später von Carpenter erzählte, von Logik, von Naturgesetzen – sie war nicht davon abzubringen, dass sie Teil einer geheimen Welt war. Für sie bewies all das, dass da mehr war, als rationale Menschen begreifen konnten, und dass sie Zugang dazu hatte. Sich anders zu fühlen, außerhalb der Welt, konnte ich als Autistin gut nachvollziehen, aber die Schönmalerei von offensichtlichen Fakten machte mir Angst. War sie verrückt? Oder war es wahr und es gab wirklich Geister? Ich traute mich nicht, andere zu fragen, was mit ihr los war, und nicht mal in mein Tagebuch schrieb ich, was ich dachte.
Ich wollte eigentlich an ein Du schreiben, das meine Mutter ist. Ich stellte mir vor, mir durch diese Spiegelfläche etwas sagen zu können, das trösten würde. Aber noch während ich schrieb, riss mich die fehlende Resonanz immer wieder in die Hilflosigkeit meiner Kindheit zurück.
Du sagst, dass du dich umbringen wolltest. Du sagst, dass du dich umbringen willst. Du sagst, dass du dich umbringen wirst.
All das sagst du, als würde es niemanden außer dich betreffen, als könne niemand etwas tun. Du wolltest ein Echo, keine Antwort.
Es war unmöglich, auf dieses Du zu reagieren. Ich habe angenommen, ich könnte sie so besser verstehen, so nah dran, einen Dialog schaffen. Vielleicht etwas lange Abgebrochenes zusammenführen. Doch da war kein Anfang, immer war ich schon mittendrin und konnte die Spuren doch nicht zu ihr führen, nur im Kreis. In diesem Du war kein Platz für mich, noch nie, es wollte immer nur vor und zurück.
Am Abend vor seiner Kommunion verprügelte ich das Patenkind meines Adoptivvaters in Freiburg, weil Fritz behauptete, Mädchen seien von Natur aus schwächer als Jungen. Ich war acht Jahre alt, zierlich und klein, doch von einer Sekunde auf die andere schlug und trat ich zu, so fest ich konnte. Ich biss und riss, kratzte und schabte so lange, bis unsere Väter unser Geschrei aus dem Nebenzimmer hörten und uns auseinanderzogen. Fritz blutete aus der Nase, und auch ich hatte blaue Flecke abbekommen. Mein triumphaler Sieg waren die Fotos in der Kirche, auf denen Fritz für immer mit einem roten Kratzer auf der Wange lächeln würde. Bevor wir wieder abreisten, eröffnete ich Fritz, dass ich eine Hexe sei. Er glaubte mir. Ich konnte nicht fassen, wie einfach es war, ihn zu überzeugen. Ich dachte mir Rache-Zaubersprüche aus und sprach über Kräuter, als wäre ich auf einer Wiese geboren, empfahl ihm, für eine schnellere Heilung Rhododendronblätter auf seinen Kratzer zu legen und sich bei Mutter Erde zu bedanken. In jenem Moment waren meine Hexenkräfte stärker als ein Mann. Und das gefiel mir mehr als seine Schramme im Gesicht.
Der Eintrag zum Wechselbalg im Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens erklärt, dass damit ein Kind bezeichnet [wird], das durch dämonische oder magische Zeugung geschaffen wird in der Absicht, es in das Geschlecht der Menschen zum Schaden und zur Plage einzuschmuggeln.[4] Der Balg wurde von Feen eingeschmuggelt, oft sollte er aber von Dämonen oder Hexen stammen. Mit ihm zog eine magische Erklärung für ein Kind ein, das anders war, eine Behinderung, Lernschwierigkeit oder äußerliche Abnormität aufwies. Man sagt, der Mythos gab Eltern die Möglichkeit, ihre Gefühle zu verarbeiten. Oder zu rechtfertigen, wenn sie ihr Kind verdroschen oder ertränkten.
In Die Autistinnen schreibt auch Clara Törnvall darüber, dass es einen Zusammenhang zwischen Kindern mit typisch autistischem Verhalten und dem Wechselbalg-Mythos geben könnte. Ein Wechselbalg nutzte beispielsweise Sprache enorm kreativ, bezeichnete Dinge anders oder erfand ganz eigene Metaphern. Alles Fähigkeiten, die heute oft mit neuropsychiatrischen Diagnosen zusammenhängen. Es ist nur ein kleiner Teil, in dem Törnvall über Aberglaube und Autismus schreibt, aber er verfängt bei mir. Das Gefühl, von einem anderen Stern zu kommen, Erwartungen nicht zu entsprechen, kenne nicht nur ich, sondern kannte auch meine Mutter. Anders sei sie, sagte sie immer, sie ecke an.
Ich weiß nicht, ob meine Mutter mich oder meinen Bruder vielleicht zeitweise für einen Wechselbalg hielt oder sich wünschte, dass wir nur ein Missverständnis wären. Ich erinnere mich an eine Distanz nach der Geburt meines Bruders, vielleicht eine Depression. An die Streite mit meinem Adoptivvater und dass sie mich oft bat, mit dem Kinderwagen vor dem Haus auf und ab zu gehen, bis sie mich ablöste. Auch an ihre Überforderung mit mir. Meine älteste Erinnerung handelt davon, wie meine Mutter mit dem Kabeltelefon auf dem Schoß am Treppenabsatz sitzt und mit dem Kinderheim meine Aufnahme verhandelt. In diesem Moment fühlte ich mich nicht wie ihre Tochter, sondern wie eine Bürde, die nicht zu tragen war. So, stelle ich mir vor, fühlt sich jedes als Wechselbalg bezeichnete Kind. Aber wie schnell gewöhnt man sich an Gefühle, wenn man keine Alternativen kennt.
Der Teufel steckt im Detail, der Teufel ist ein Eichhörnchen, den Teufel an die Wand malen, mit dem Teufel im Bund, die Teufel austreiben, meine Mutter steckt im Detail, meine Mutter ist ein Eichhörnchen, meine Mutter an die Wand malen, mit meiner Mutter im Bund, meine Mutter austreiben.
Ich lese auf Reddit, dass sich einige aus der autistischen Community mit dem Wechselbalg-Mythos identifizieren wollen. Hol es uns zurück! Wir brauchen das, egal was, um unsere Geschichte zu erzählen. Die Überlieferungen zurückerobern. Es geht ihnen dabei nicht darum, zu behaupten, sie seien ausgetauscht, sondern darum, den Fokus auf die Dekonstruktion heutiger schädlicher Familienstrukturen zu legen. Sichtbar zu machen, welches Allgemeinwissen zu Autismus fehlt, welche Falschannahmen kursieren. Ich lese den Kommentar eines Norwegers, der schildert, dass noch heute dort komische Kinder als Wechselbalg bezeichnet werden. Nüchtern stellt die Person fest: Feen sind vielleicht eh eine bessere Gesellschaft als die meisten Menschen …
Die Wissenschaft geht davon aus, dass die Erblichkeit von Autismus bei neunzig Prozent liegt.[5] Es gibt aber nicht das eine Gen, das autistisch macht, es braucht ein komplexes Zusammenspiel verschiedener genetischer und umweltbedingter Faktoren. Vieles verstehe ich nicht. Es gibt KMT2C, RANBP1, mGluR5, 22q11DS, die Wörter sehen schön für mich aus. Geforscht wird immer an Mäusen. Ich finde eine Studie über ein Gen namens NRXN1α, das neben Umweltfaktoren mit der Entwicklung von Autismus und Schizophrenie in Verbindung gebracht wird. Fehlt das Gen bei Mäusen, die bezeichnenderweise knockout-Mäuse genannt werden, zeigen sie Schwierigkeiten bei Lern- und Furchtkonditionierungsaufgaben. Der Test funktioniert so: Ein bestimmtes Signal ertönt, danach erfolgt ein aversiver Reiz. Mäuse mit dem Gen lernen, dass der Ton den unangenehmen Reiz auslöst, knockout-Mäuse tun das nicht. NRXN1α unterstützt die Amygdala dabei, Reize und Emotionen richtig einordnen zu können; doch ist die Amygdala wie bei Autist:innen in sozialen Situationen hyperaktiv, funktioniert das nicht, da essenzielle synaptische Verbindungen zum präfrontalen Cortex fehlen.[6] Die Angst wird übermächtig und zwingt Autist:innen, einen anderen Umgang mit dem Gefühl zu finden als den der Kontextualisierung.
Die Vorstellung von Autist:innen als knockout-Menschen löst ein Befremden in mir aus, aber auch sofort das Bild meiner Mutter auf dem Sofa, den Nachmittag verschlafend, weil sie morgens im Supermarkt gewesen war.
Werde ich nach meiner ältesten Erinnerung gefragt, lüge ich. Ich erzähle meine zweitälteste: wie meine Mutter und ich zu Hause beim Aufräumen immer ein französisches Lied namens Alouette, gentille alouette sangen. Darin geht es um eine Lerche, die gerupft werden soll. Es besteht aus mehreren Strophen, die aufzählen, was alles gerupft werden muss: Kopf, Hals, Schnabel, Flügel, Füße … alles. Ein grausames Lied, bei dem wir unheimlich viel Spaß hatten. Sie war die erste Stimme: Je te plumerai la tête, ich das Echo: je te plumerai la tête. Ich liebte die Wiederholungen, den Rhythmus, die vorhersehbare Struktur, ein bisschen auch das Makabre daran. Am meisten aber liebte ich, dass ich dabei das Gefühl hatte, zu meiner Mutter zu gehören, denn ohne mich funktionierte das Lied nicht.
Immer mehr Fakten füllen mein Notizbuch, ich male Verbindungen, ich klebe Zettelchen, ich notiere offene Fragen. Ich weiß nicht, was ich suche. Ich spreche mit dem Mann, um zu prüfen, ob ich etwas übersehe. Für ihn passe ihre Hexerei nicht so recht zum Autismus, es erinnere ihn eher an magisches Denken. Ich lege einen neuen Zettel an: Paranoia. Ich fühle mich mittlerweile wie eine Ermittlerin, die nicht weiß, was das Verbrechen war. Trotzdem scheint da etwas direkt vor meinen Augen zu liegen. In einem anderen Brief steht: Manchmal nehme ich auch tagsüber draußen Schatten neben mir wahr. Ich denke, sie sprach ja auch mit Geistern. Dann ärgere ich mich, ich verwische die Spuren ja selbst.
Sowohl der Dämon als auch das Wechselbalg können als Metaphern für den Selbstzweifel dienen. Sylvia Plath schrieb ihrer Depression A Letter to a Demon, in dem sie den Kampf der Schreibenden mit sich selbst seziert. Virginia Woolf ließ in dem Essay How Should One Read a Book? den Dämon ins Ohr wispern: Ich liebe es, ich hasse es.
Der Wechselbalg ist auch der Zweifel an der eigenen Elternschaft: Reiche ich nicht? Was mache ich falsch? Ist das meine Schuld? Oder die Angst einer Mutter, ihr Kind nicht zu erkennen, nicht lieben zu können. Oder die Angst, nicht zu wissen, was man eigentlich für eine Mutter ist.
Das Fremde. Das Andere. Das Selbst. Der Zweifel spaziert als Schatten neben einem her.
Ich denke an die Zeile von Schultens: also kann ich jetzt geister sehen, und viren. Und an das Ende des Gedichts:
ich rupfe vogelbeeren von einem schwarzen zweig
werfe sie einzeln ins kreisende auge, in jene zentrale
hinter mir: dieser sturm ist nie aus meinem nacken verschwunden
Das Ende lässt mich begreifen, dass es um eine Kontrollfantasie innerhalb eines Wahnsinns geht. Nämlich darum, den Ursprung, den Kern des Verfolgungsgefühls ausmachen zu können. Vielleicht nehme ich Poesie zu wörtlich, aber den Sturm im Nacken meiner Mutter kann ich mir bestens vorstellen.
Die Dämonen meiner Mutter waren von Beginn meiner Kindheit an da. Wenn ich meine Mutter mit sich selbst sprechen hörte und fragte, mit wem, lächelte sie und sagte, mit meinem Freund Harvey. Was Harvey wolle? Er passe selbstverständlich auf sie auf.
Jetzt entdecke ich durch Zufall, dass Harvey eine Figur aus Mary Chases Theaterstück Harvey ist, nämlich ein zwei Meter großer Hase. Ich schaue die Filmadaption mit James Stewart,[7] die auch meine Mutter gesehen hat. Harvey begleitet den freundlichen Elwood P. auf seinen Sauftouren, ist aber für alle anderen unsichtbar. Seine Schwester will Elwood P. ins Sanatorium einweisen. Der Hase ist im ganzen Film nicht einmal zu sehen, das Publikum nimmt also die Perspektive des Arztpersonals und der Familie ein, soll sein Urteil wohl selbst bilden.
Obwohl Harvey eine Komödie ist, bekomme ich Gänsehaut. Wenn auch harmlos, ist Elwood P. ein Alkoholiker mit Halluzinationen, eindeutig krank, die Schwester co-abhängig. Es gibt ein Serum namens Formula 977, nach dessen Einnahme der Hase für Elwood P. verschwinden würde. Seine Schwester verhindert das, weil sie nicht will, dass er ein ganz normaler Mensch wird, denn dann würde er auch ein ganz normaler Mistkerl werden. Sie will ihren Bruder so behalten, wie er ist: freundlich, betrunken und entgegenkommend. Mit Harvey. Denn so liebt sie ihn. Als sie vor dem Arzt dann noch gesteht, den Hasen selbst manchmal zu sehen, wird mir übel. Auch ich glaubte an die Geister meiner Mutter, an ihren Harvey und die Dämonen, an ihre Hexenkraft. Harvey war für sie mehr als nur ein Film, vermute ich, sie saugte seine augenzwinkernde Message buchstäblich in sich auf, die Verharmlosung psychischer Krankheiten. Der Film bestätigte auch ihr Gefühl, anders zu sein, als richtig. Im einem Brief: Nur so bin ich ich. Und eigentlich finde ich mich gut.
Ich überlege, ob Formula 977 eine Medizin oder ein Zaubertrank ist, eine Heilung oder Verwandlung. Im Film ist der Hase weder Wahn noch Realität, wichtig ist das Glück. Meine Mutter schloss Therapien mit Nachdruck aus. Ihr könne man nicht helfen. Wie man übrigens auch mir nicht hatte helfen können. Und wobei auch: Wir seien einfach intuitiver als andere, kognitiv ausgeprägter. Wer bestimme denn, was Realität sei, wer, dass es sie überhaupt gibt? Wer, was richtig und falsch? Und wer mache die Regeln: die Mehrheit der Bürger oder eine privilegierte Gruppe, die uns ihre Sichtweise aufzwingen will? Damals wusste ich noch nichts von Autismus, aber dass mir Therapie und Medikamente trotzdem sehr geholfen haben, ignorierte sie. Wie alles, was gegen ihre selbst gebastelte Realität verstieß. Meine Depression sei einfach eine Erkenntnis über die eigene Sterblichkeit, keine Krankheit, sagte sie. In Harvey bestimmten Elwood P. und seine Schwester die Realität, und so hat auch sie es immer gehandhabt.
Wäre unser Gehirn so einfach, dass wir es verstehen könnten, wären wir so einfach, dass wir es nicht verstehen könnten, sagte der Wissenschaftler Emerson M. Pugh. Demnach ist uns allen ein Paradox in den Körper eingeschrieben. Bei meiner Mutter war das Paradox die Sehnsucht nach Rettung bei gleichzeitiger Ablehnung. Sie blieb stur, obwohl sie geahnt haben muss, dass sie depressiv war. Sie duschte nicht oder selten, versteckte sich vor der Welt, hatte ständig Angst, Schlafstörungen und äußerte Suizidgedanken. Ich verstehe ihre Belastung, sie hatte wenig Hilfe im Haushalt, erst ein Kind alleinerziehend, dann zwei Kinder und meinen Adoptivvater, der unter der Woche in Frankfurt arbeitete. Sie war überfordert. Im BGB, Paragraf 630d, ist die Einwilligungspflicht für eine ärztliche Behandlung geregelt: Vor Durchführung einer medizinischen Maßnahme, insbesondere eines Eingriffs in den Körper oder die Gesundheit, ist der Behandelnde verpflichtet, die Einwilligung des Patienten einzuholen. Sie wollte keine professionelle Hilfe. Und nun tapse ich um sie herum, in einer Sprache, in der vielleicht auch ein Dämon hockt. Überlege, ob ich ihr Unrecht tue, und kann doch nicht aufhören.
Ihr Tarot-Deutungsbuch bestand aus selbst gedruckten DIN-A5-Seiten, die sie in Plastikhüllen mit einer Klammer zusammenhielt, es lag immer auf einem Stuhl am Esstisch. Wenn sie mir die Karten legte, fragte ich sie nach Liebe, doch sie sah mir keine voraus. Manchmal pendelte meine Mutter auch, was nur mit Ja-Nein-Fragen ging. Ich fragte nach Liebe, aber sie sagte, in die Zukunft könne ein Pendel nicht sehen. Es arbeite mit den Energieströmen der Gegenwart. Wie eine silberne Träne schlingerte das Pendel zwischen ihren Fingern und schwang über meiner Handfläche. Rechtslinks für Nein, hochrunter für Ja. Ich bat um eins zum Geburtstag, doch sie verbot es. Zu gefährlich und ich noch zu klein. Sie war todernst dabei, keinen Hauch von Ironie oder Humor konnte ich in ihrem Gesicht erkennen. Ich war enttäuscht, wollte so gerne auch eine Hexe sein, wollte so sein wie sie.
Wer sucht hier wen heim?, fragt der Mann mich am Abend, als ich bei dreißig Grad in einem Buch über Dämonenerscheinungen des Mittelalters blättere. Ich dachte, du schreibst über Autismus, sagt er, und ich: Tu ich doch. Komm lieber ins Bett, Schluss mit Spuk. Unsere weiße Katze trottet hinter ihm her.
Im Bett kann ich die Gedanken nicht abschütteln, so sehr ich auch versuche, an Wiesen und langsame Wellen zu denken. Julia Friese erzählt in einem Podcast[8], dass sie festgestellt habe, dass man Themen schreibend für sich töten könne. Ich träume von einem T-Shirt, auf dem writing kills steht. Im ersten Moment verstehe ich diese schreibende Mordlust, als hätte Julia Friese eine geheime Sehnsucht in mir entdeckt. Ich wünsche mir, meine Mutter abzuhaken. Das zu töten, was ich nicht töten kann. Ich wünsche mir Aussöhnung, eine Gleichmachung, aber andererseits wünsche ich mir auch meine Mutter zurück, ohne all das andere in ihr.
Eigentlich will ich nicht töten, sondern exorzieren.
1921 schreibt Margret Murray in The Witch-Cult in Western Europe, dass es bis ins 17. Jahrhundert wirklich Hexen gegeben habe, bis sie vom Patriarchat zerschlagen wurden. Es liest sich wie ein Fantasybuch mit sexy Untertönen. Trotz der fantastischen Beschreibungen liebe ich, wie Murray die Gebräuche systematisch durchgeht, die Tänze, Fruchtbarkeit, Sexpraktiken, das Regenmachen. Unter den Zaubersprüchen finde ich einen, um sich in einen Hasen zu verwandeln:
In einen Hasen möge ich fahren,
Mit Kummer, und derlei, mit großer Acht;
In Teufel’s Namen möge ich fahren,
solang, bis ich’s nach Haus gemacht.[9]
Da ist er, Harvey, der Hase auf meiner Fensterbank, und mit ihm das Gefühl, das mich damals befallen hat. Mit Kummer, und derlei. Sitzt in der Sprache tatsächlich ein Dämon, hat er sein Bestes getan. Ich dachte lange, ich schreibe, um etwas lebendig werden zu lassen und um Ordnung zu schaffen. Oder, um aussprechen zu dürfen, was ich nie sagen durfte. Aber vielleicht ist das nicht die ganze Wahrheit. Bereits Erinnern schafft eine Ordnung, auf die mein Schreiben dann reagiert, so wie Hexen auf die Regeln ihrer Umwelt reagieren, um sich zu wehren.
Mit Mitte zwanzig war ich gerade zu Besuch, als mein Bruder abends zu lange mit den Hunden unterwegs war. Mit Freunden zusammen, betrunken, bekifft, antwortete er nicht auf Anrufe oder Nachrichten. Meine Mutter aber hatte ihre Routinen, und ohne ihre Hunde wollte (konnte, ihr Wort) sie nicht ins Bett gehen. Also saßen wir gemeinsam auf dem Sofa und warteten. Die Krise wurde schnell existenziell. Sie weinte, rief und war auf eine Art verzweifelt, die ich nicht verstand. Eigentlich hatten wir seit langem wieder einen harmonischen Abend gehabt, Spaghetti aus riesigen Schüsseln gegessen und einen der Conjuring-Filme geschaut. Ich machte Anstalten, sie zu umarmen, und berührte sie an der Schulter, da schlug sie meine Hand weg, als müsse sie sich vor mir wehren und schrie: Nein, nein, nicht! Ich zog die Hand zurück, während die Worte aus ihr herausfielen: Ich erkenne ihn nicht wieder, er verhält sich so anders, was haben die mit ihm gemacht, ich will nicht, eine gute Mutter sagt das ja nicht, aber er ist der Teufel, Lara, er ist wirklich der Teufel, du hast ja keine Ahnung, wie es manchmal ist, es ist das abgrundtief Böse im Haus, wenn er da ist, manchmal ist es so übel, dass ich mich vor ihm einschließe, mich und die Hunde, und wenn er jetzt nicht kommt, man kann ihm nicht trauen, was, wenn er sie in Gefahr bringt, und sie bellen ihn an, du weißt, was das heißt, die Hunde spüren das, du hast keine Ahnung, was hier los ist, seit du nicht mehr hier bist, diese Gefahr, er ist der Teufel, Teufel, Teufel.
Ich sah, dass sie glaubte, was sie sagte, in vagen, wirren Gedanken, aber aus tiefstem Herzen, und ich gab mir Mühe, an die Wechselbälger zu denken und an Eltern, die ihre Kinder damit aufzogen, wenn sie unartig waren, aber eigentlich liebten. Gegen halb zwei kam mein Bruder endlich zur Tür herein, zwei Zwergpinscher flitzten auf meine Mutter zu; ohne ein Wort, mit gesenktem Blick ging sie mit ihnen ins Bett, mein Bruder verschwand mit seinen zwei Freunden im Keller, und ich hörte ein Knacken in meiner Ohrmuschel.
Ich schreibe keine Diagnose meiner Mutter. Keinen Beweis, dass sie verrückt oder autistisch war. Dass sie eine Hexe war oder auch nicht. Und ich könnte es nicht, auch wenn ich wollte. Ich will mir beweisen, dass ich nicht verrückt bin. Dass das alles wirklich passiert ist. Und vielleicht ist das doch eine Art Mordversuch am Chaos.
Ich betrete den Laden und bin sofort von dem vertrauten Räucherstäbchengeruch umhüllt, dessen Namen ich nicht kenne. Über der Tür steht Witchery, Spell, Book and Candle, und genau das gibt es. Die Inhaberin grüßt mich freundlich. Weißes T-Shirt, feuerwehrrote Haare, ein strähniger Pony. Sie sieht aus wie eine Comic-Hexe, denke ich und schäme mich gleich dafür. Kräuterbündel, Kristallkugeln, Spell Jars, zierliche Amulette und ein Feder-Etwas, das ich als Gothic-Kopfschmuck bezeichnen würde. Ich befinde mich in einem witchy-angehauchten Dekoladen. Man sagt wohl das Herz klopft bis zum Hals, weil ich nur stotternd vorbringe, was ich will, sage, dass ich eigentlich keine Hexe bin, mich nicht so auskenne, aber meine Mutter dach– also war … Die Hexe erklärt mir, wie ich vorgehen muss, dass nicht ich aussuche, sondern durch einen Test ausgesucht werde. Sie deutet vor mich, welches hat dich denn sofort angesprungen? Mit dem beginnst du. Ich tue, was die Hexe sagt. Ein schlichtes aus weißem Quarz und ohne Schnörkel schwingt über meiner Hand, nach einem unsicheren Zittern formt es Kreise. Hach, das ist es schon, sagt die Hexe, perfektes Match, nichts geht über Intuition! Beim Bezahlen betont sie: Niemand außer mir dürfe es jetzt ohne meine Erlaubnis berühren. Es funktioniere ganz oder gar nicht, keine Ausnahmen.
Mein Pendel schwingt in der Luft über dem gelben Säckchen, und ich denke, es ist nur meins, meins allein, und ich lasse es hineinfallen.
Heute frage ich mich, was ich getan hätte, wenn ich ein Mittel wie Formula 977 gehabt hätte. Hätte ich es meiner Mutter gegen ihren Willen gegeben? Hätte ich sie mir anders gewünscht? Hätte ich ihr Glück gewählt oder meins?
Aber wenn ich es umdrehe, finde ich genauso wenig eine Antwort. Hätte ich Formula 977 genommen, um meine Wirklichkeit an ihre anzugleichen? Wäre ich das Risiko eingegangen, mich so zu verändern, dass ich das bisschen an Sicherheit und Trost, das ich fühlte, aufgegeben hätte? Wären wir uns dann wirklich nah gewesen?
Mein Pendel schwingt.
Trauer, Wut, Hilflosigkeit, Sehnsucht, Scham, Mitleid. Ich denke an ihre Unordnung und Ungeziefer zu Hause, die Verantwortung, die ich für ihr Gefühlsleben spürte, Schüsseln voll Spaghetti und ihren bitteren, aber cleveren Humor. Die Kostüme, die sie mir nähte, die selbst gebastelte Zuckertüte mit dem Dalmatiner, Marzipantorten. Ich denke an die Stimmen, die Planchette, die fehlenden Umarmungen. An alles, was sie in sich eingeschlossen hatte und nicht rauslassen konnte. Ich weiß nicht, ob ihre Dämonen rhetorischer Art waren, sie haben sich sicher nicht so angefühlt für sie. Es spielte keine Rolle, ob ich glücklich mit ihnen lebte.
Das ist ein Rezeptversuch für Formula 977.
Nicht für ihren Dämon, sondern für meinen.
Und ein Pendel, um etwas in den Schornstein zu hängen.
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[1] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 9. 1987, S. 288 ff.
[2] Karen V. Kukil (Hrsg.): The Unabridged Journals of Sylvia Plath. Random House, 2000, S. 619.
[3] William B. Carpenter:. Nature and Man. New York D. Appleton and Company, 1889, S. 171 f.
[4] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Band 9. 1987, S. 836.
[5] Schaaf CP, Betancur C, Yuen RKC, et al.: A framework for an evidence-based gene list relevant to autism spectrum disorder. Nat Rev Genet. 2020; 21(6):367–376 doi:10.1038/s41576-020-0231-2.
[6] Asede, Douglas; Bolton, M. McLean: „Die Mutation eines Risikogens für Schizophrenie und Autismus beeinträchtigt die synaptische Funktionalität im Furchtzentrum des Gehirns“. https://www.mpg.de/16154347/mpfi_jb_2020#:~:text=NRXN1α%2C%20ein%20mutmaßliches%20Risikogen%20für,eine%20Fehlfunktion%20der%20Amygdala%20hindeutet. (zuletzt abgerufen: September 2025).
[7] Henry Koster: Harvey. Universal Pictures, 1950.
[8] Dear Reader: Julia Friese über das Verrecken im Warteraum der Zukunft. 24. April 2025.
[9] Margret Murray: The Witch-Cult in Western Europe. Oxford, 1921. S. 166.
I sall goe intill ane haire,
With sorrow, and sych, and meikle caire.
And I sall goe in the Divellis nam,
Ay quhill I com hom againe.