Lisa Bolyos
Blaue Frauen auf dem allerallergrößten See
So, haben wir gesagt, und wir haben uns in die Boote gesetzt, haben die Seile gekappt, die restlichen Spaghetti, auch die angetrockneten, aglio e olio e anche pomodoro, von den Tellern der Gäste im Seerestaurant in eine Tupperdose geleert, das musste schnell gehen, dann haben wir sie nicht so gut zugemacht und dann: Tomatenflecken auf den Hosen.
Helle Hosen, kann man sagen, idiotisch, aber die waren voll modern.
Und auf diesen Booten sind wir gesessen sind wir gelegen wie auf Luftmatratzen und haben draußen am See die Stunden gestohlen. Mit Fischerinnennetzen rausgeholt aus der Tiefe, dort, wo es auf einmal vier Grad kälter ist, das Wasser tut so, als könnte es eine Linie machen, eine Schicht, eine Grenze, an der sich nichts vermischt, oben gehts gerade noch und unten kriegen die Beine einen Schock, dass sie schreien dass sie ihre dicken schwarzen Haare aufstellen. Dort haben wir nämlich schon lange vermutet, dass wir sie rausfischen können, die verschwendeten Stunden, die vom Kopf stinken, und wir haben uns nicht geirrt. Haben sie dann genau betrachtet mit gierigen Nasen sie beschnüffelt und uns gleich weggedreht, angeekelt, aber so, dass sie es nicht merken; man will sie auch nicht beleidigen, logisch. Man könnte sie z. B. in Salzlake einlegen und dann noch gebrauchen oder andere Rezepte gibt es auch im Internet, aber wir hatten kein WLAN an Bord.
Angewidert und geil dabei wurde es weitererzählt, von Fischmaul zu Fischmaul, wie Luftblasen wie in Luftblasen gefangene Sätze, die nicht als etwas, was man versteht, sondern wie der Laut Bwabwa aus sabbernden Lippen blubbern, etwas, was sich weiterentwickelt, bwa bwa boa boahhh! Boah, gut, weil mein Leben, hey, geht so, und so erzähl ich halt gern das Arge von den anderen.
Boahboah, hast du schon gehört.
Leinen los! Maschinen klar! Die ARGE Seefrauen hat abgelegt.
Sind auf diesen Booten gesessen sind gelegen wie auf den Luftmatratzen des ewigen Lebens und haben gezählt, wie viel Glitzer auf einer Seewelle sein kann, bis sie bricht. Wie viele Lichtpunkte landen, dann sich weiten, dann verflirren, dann verschwinden. Die landen mit richtig hoher Lichtpunktgeschwindigkeit und verschwinden im Nix!
Wir sind die blauen Frauen
die die grauen Männer ertränkt haben (Scusi!, rufen wir)
Was wir am besten können, ist rauben
wie Sau mit unseren veralgten Klauen
Netze einholen!
Hast du schon gehört? Die blauen Frauen, die die Meerjungs versauen, sind ausgefahren, um die Endzeit zu holen. Haltet eure Kinder fest! Holt eure gestreiften Matrosen ein! Sperrt die Männer in die Kajüten, die Saufrauen sind los. Sie fahren durch den Nebel und holen sich die Ewigkeit, sie angeln sich die Gezeiten und wer nicht schnell schwimmt, den fressen sie auf: Calamari fritti, wir grillen das Patriarchat. Grillparty am Kai, Sonntag 10 Uhr, all you can eat.
An der Wasseroberfläche: Schaum wie Spucke von Wassergeistern, die oben ohne auf breiten Flossen daherstolzieren, geölter Bizeps, vermoostes Sixpack, Katastrophe, wie die schlatzen und patzen und alles schwimmt obenauf, schnell, die Schleusen öffnen! Wir haben schon zu viel Zeit verschwendet, uns durchzubringen, uns durchzuringen dabeizubleiben, wir –
Weil: Am Abend vor dem Tag mit den Booten ist uns auf einmal, den einen ein-, den anderen aufgefallen, es ist ja gar nicht die Lebenszeit selber, die fehlt! Es ist die verschwendete Lebenszeit, die verschwendete Zeit fehlt am Ende und leuchtet rot im Tortendiagramm. Mannomann, hättest du doch gleich sagen können. 56 Prozent: wehren, ducken, aushalten, durchdrücken, ignorieren, kompensieren, Platz machen, Beine zusammen, bisschen rücken bitte, nicht so laut, nicht jammern, nicht so zickig, überhaupt, nicht so empfindlich, generell weniger Empfindungen bitte, vielleicht 60, nein, 90 Prozent weniger, bitte, dann hast du den Job, ohne mit mir zu ficken. 56 Prozent Zeitverschwendung? Hey, das ist aber echt nicht so gut fürs Budget, das verstehst du, da würden wir ja Schulden machen wegen dir, das können wir uns nicht leisten, sorry – der Nächste bitte!
Und der Wassermann zieht seine Nummer
und der Wassermann zieht seine Nummer ab.
Plätscher, plätscher, am Horizont ein Segelboot, eins, zwei, am Himmel ein Flugzeug, eins, zwei, im Wasser ein Fisch. Walfisch? Falschfisch. Wer die falsche Seekarte zieht, muss weitergeben.
Dehnt die Netze dehnt die Seile dehnt den Nachmittag mit dem Expander aus. Die blauen Frauen sind hinausgefahren auf den allerallerallergrößten See der Welt, sie haben geschmolzene Minuten in den Taschen der weißen Segelhosen mit den Pomodoroflecken drauf, sie halten scharwenzelnde Fische in ihren glitschigen Händen, schlecken die glitzernden Opferschuppen ab, mmmmm hahaha ist das ekelerregend, platsch, werfen sie die Fische zurück in dieses uninteressante Wasser, schleichts euch!, schreien sie. Hört, hört, die Seehunde schlagen an.
In der Dämmerung schlagen die Seehunde an.
Und wir: haben dann auf den Mond gewartet, der uns irgendwas versprochen hatte, ganz sicher, aber wir haben vergessen, was. Sind in den Booten gelegen und haben die verschwendete Zeit aus unseren Netzen klamüsert und ausgebreitet zum Trocknen bei wolkenverdecktem Vollmond, so hat das mystisch gewirkt, was es aber nicht war. Haben sie streifenweise in Salzlake eingelegt und auch Maki daraus gemacht und Chips mit Knoblauch und Balsamicoessig in der Mikrowelle unter Deck, haben Bissen für Bissen in uns reingeschoben, Astronautinnennahrung für Untertaucherinnen. Und wie eine von uns sich hart verschluckt hat, haben wir ihr mit moosigen Klauen auf den blauen Rücken gehaut, bis sie kotzen konnte, und die Kotze haben wir wieder zum Trocknen ausgelegt, immer immer im Kreis geht das, immer im Kreis, bis in alle Ewigkeit, bis alles vermodert und dann weiter im Kreis, im Kreiskreis, wer braucht liegende Achter und Möbiusschleifen, Vorschulniveau, solange wir den Kreis haben. Der Kreis ist der heißeste Scheiß, das steht so auf den T-Shirts der blauen Frauen, die man bei der Grillparty zu einem Solipreis kaufen kann. Und wer blöd fragt, wird einfach mit einem Stoß ins Wasser gelassen, man muss nicht immer alles argumentieren, ist nämlich auch Zeitersparnis, wenn man den Weg abkürzt, man kann auch einfach mal Zeichen setzen, Zeichen der Zeit, so sind wir halt, sorry not sorry. Ja, stimmt, wir haben euch ins Wasser geschubst. Aber wir haben euch nicht mit einem geschwinden Palstek, zu dem wir qua unseres Berufes=Berufung in der Lage sind, einen Stein an den Fuß gebunden, das ist nett von uns, oder?, sagen die blauen Frauen freundlich und schenken sich nach. So ein kühles Bierchen, so ein Algen-Matcha-Latte, so ein Limoncello und oh, oh, jedes Matröschen wirkt so bello!, singen sie, und bitte sagt nicht gleich wieder, dass man das nicht darf, bitte seid einen einzigen Tag lang keine Spaßverderber.
Danke!
Uns fallen Fischwitze ein und wir erzählen sie, manche auch mehrmals. Wir saufen uns an dabei. Hey! Prosten wir uns zu und lachen völlig fröhlich, so abgrundtief fröhlich hat kaum je eine gelacht, zumindest keine, die wir persönlich kennen. Hey! Prost! Prosit! Prostata, hahaha! Wir haben da eine Liste erstellt, aber nicht persönlich nehmen nicht heulen:
Sich wegdrehen,
den Platz wechseln,
die Kopfhörer auf statt lesen,
die lange Hose,
den obersten Knopf zu,
doch nicht schminken,
doch schminken,
aufs Sonnenbaden verzichten,
auf die Lohnerhöhung verzichten,
aufs Zufußgehen verzichten,
auf einen Absacker an der Bar verzichten.
Auf die Widerrede verzichten.
Oder: Nein sagen,
neinneinnein sagen,
nein hab ich gesagt sagen.
Schneller gehen,
gehen, bevors dunkel wird,
nicht mehr ausgehen,
nicht allein ausgehen,
nicht drauf bestehen, noch auszugehen, nicht heute, wo er müde von der Arbeit –
nicht weinen, Baby, nicht jetzt gerade weinen,
der Papa braucht Schlaf.
Auf Kinder verzichten,
auf Laissez-faire verzichten,
auf die Abtreibung verzichten,
auf die Alimente verzichten.
Auf die nächste Gehaltsstufe verzichten, auf die Beförderung verzichten, auf die Stundenaufstockung verzichten, auf die Träume verzichten, oder nein: nur träumen. Auf die Realität verzichten. Träumen darfst du, Honeybun / träum dich in dein Honigland / und bleibst du dort kleben / wirst du ewig leben / lebst in meinem Kopf / du süßer Tropf.
Wir sind mit den Booten bis zum Horizont gekommen, bis an diese Linie, wo alles kippt. Glaubs doch einfach, Dummbatz, schau nicht so drein. Die Oberarmmuskeln der blauen Frauen funkeln in der untergehenden Sonne wie eine Hügelkette auf fernen Inseln: Atlanta, bist dus? Nein! Ich bins nicht! Geh du nur unter, Seemann, dich braucht hier niemand mit deinem Geheul. Wir brauchen echte Arbeitskräfte, gerne geliehen, auch ehemalige Fischer.innen-die-wegen-der-Überfischung-nicht-mehr-fischen-können willkommen!, wir heben die Zeit aus den Angeln, wir werfen die Kescher aus und die Reusen, wir haben Geduld und wir warten und schlafen, wir schnarchen so laut, dass die Boote wanken, und unter ihnen wankt der ganze See.
Und dann sind die Boote aufgelaufen.
Wie auf eine Sandbank, aber knackiger, krachender, wie Muschelkalk, berstender, das Geräusch von Knochenbruch, das Geräusch von Steinbruchknirschen das Geräusch von Tiefseeosteoporose. Huch!, nein, nicht huch, nochmal: Hö!, schreien die blauen Frauen mit ihren tiefen Stimmen, sie fragen einander von Boot zu Boot: Was war das denn jetzt?, und sie schauen dabei furchtlos ins tiefe Wasser, versuchen zu sehen und darum dann zu verstehen.
Etwas türmt sich,
was türmt sich da,
es türmen sich die Muschelkalkknochen der femizidierten Süßwassergeschwister. Hier seid ihr!, rufen die blauen Frauen mit teils jetzt doch gebrochenen Stimmen aus, dann schweigen sie, schweigen still, und türkisglitzernde Tränen laufen ausgebleichten Smaragden gleich aus ihren dunklen Augen, laufen über ihre sonnengegerbten Wangen, machen unbezahlte Mittagspause in ihren Mundwinkeln, die jetzt hinabgezogen sind von der Schwerkraft der blauen Trauer, laufen dann glatte und bärtige Kinne entlang, laufen in die Boote und die Boote laufen über.
Und die blauen Frauen schwimmen im allerallerallertraurigsten See und sagen den toten Geschwistern: Ahoi! Und die toten Geschwisterchen rufen aus den Tiefen ihres Totenreichs, rufen feuchtfröhlich: Mast- und Schotbruch, Loide!
Und am Ende, wo schon der Nachspann läuft, da schütten wir in einem kleinen Zeitfenster die Spaghetti zurück, aglio e olio e pomodoro, auf die abgeräumten Tische im Seerestaurant, und wir setzen uns breitflossig an die Bar und wir rufen: Schenk nochmal ein! Und wir haken uns unter und wir schunkeln, und der Mond und die Boote und der tiefblaue See und die Seehunde und die Seepferde und die Seeanemonen und die Muschelkalkknochenberge und die Wellen und die Sterne und selbst die drolligen Drillinge Aglio, Olio und Pomodoro, sie alle schunkeln mit.