Dîlan Çapan
Gegenwalt (jederzeit, überall)
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Ich wollte Gegenwart schreiben, aber habe stattdessen Gegenwalt aufgeschrieben. Ich habe mich nicht verschrieben. In jeder Notierung des Wortes, unter der ich Gedanken gesammelt habe, steht ein l anstelle eines r. Mein Unterbewusstsein lag wie immer schon vor der Bewusstwerdung auf meinen Fingern, die aus meiner Zunge wachsen, und alle vier wissen, wie sie bestimmte Lebensrealitäten und Zustände sprachlich zu fassen haben, die ein Kontinuum sind aus: politischer Gewalt, Verhinderungen, Widerstand. In denen die Ausnahme, von der einige ausgehen, die auferzwungene Regel bildet, für die Gegenwart immer Gegenwalt bedeutet – zu jeder Zeit, im doppelten Sinn und an doppelten Orten, in doppelten Sprachen.
Meine Gegenwalt
ist immer zweigeteilt
zwischen
DIASPORA und KURDISTAN /
manche sagen: viergeteilt,
wir erkennen sie nicht an, künstliche Staatsgrenzen,
aber wissen, dass sie reale Auswirkungen haben auf
Lebensrealitäten, Sprachen, Familien
immer vielfach aus ein an der ge ri ssen
von Entfernungen / Regimen, Ideologien, Gebirgsketten.
Meine Gegenwalt ist durchzogen von der Vergangenheit, die im aktuellen Moment lebt, sie besteht aus meiner eigenen und jener der Vorangegangenen, immer aus mehreren Zeitebenen und Generationen gleichzeitig.
Meine Gegenwalt kommt mittels der Kunst, die immer dreigeteilt ist durch
Verantwortung, Zweifel, Privileg,
x-mal multipliziert mit:
dem Alltag, der sie umgibt, mit Bedrohungen, Fetischisierungen, Unwissen;
ergibt alles zusammen
=
IN ROJAVA / WESTKURDISTAN / WEHEN WIEDER SCHWARZE FAHNEN / NEBEN ROT-WEISSEN / UND EINIGEN WEITEREN. DIE FAHNENTRÄGER / KÜNDIGEN VERNICHTUNG AN / SIE RUFEN UNTER ANDEREM: ALLAHU AKBAR.
WIR SEHEN PANZER ROLLEN / HÖREN DROHNEN HEULEN / UND ALLE GEMEINSAM / SCHIESSEN AUF DIE MENSCHEN / WERFEN KURDISCHE FRAUEN / TOT AUS ZERSTÖRTEN GEBÄUDEN / WIR HÖREN DEN AUFPRALL IM STAUB DER ZERSTÖRUNG / WIR HÖREN DSCHIHADISTEN RUFEN: KURDISCHE FRAUEN GEHÖREN VERSKLAVT ODER INS GRAB.
WIR SEHEN, WIE EIN MANN EINER GETÖTETEN KURDISCHEN FRAU DIE GEFLOCHTENEN HAARE ABSCHNEIDET / WIE ER IHREN ZOPF MIT SICH TRÄGT / WIE EINE TROPHÄE.
WIR SEHEN VIELE ARABER:INNEN / DIE GERADE NOCH UNTER DEM SCHUTZ DER KURDISCH-DEMOKRATISCHEN KRÄFTE VOR DEM „IS“ / UND VOR ASSAD / GEMEINSAM MIT IHNEN LEBTEN / JETZT AUF DIE SEITE DER ANGREIFER RENNEN / IHNEN ZUJUBELN / WIR HÖREN SIE UNTER ANDEREM RUFEN:
ENDLICH VORBEI MIT DER KURDISCHEN FREMDHERRSCHAFT, SO LANGE HATTEN SIE UNSER ARABISCHES LAND BESETZT.
WIR DENKEN WIE IMMER:
DINYA XAYÎN E, DINYA DEREWÎN E.
JI BILÎ ÇIYAYÊN ME HEVALÊN ME TUNE NE.[1]
IN DER DIASPORA / SEHEN WIR DEN SOGENANNTEN WESTEN / DEN ANGREIFERN / DEN ISLAMISTEN / TERRORISTEN / GELD GEBEN / UNSERE STEUERGELDER FINANZIEREN / DIE ZERSTÖRUNG VON LANDSCHAFTEN / DIE ERMORDUNG UNSERER KURDISCHEN GESCHWISTER / UND DER VON ALAWIT:INNEN / DRUS:INNEN / MINDERHEITEN / WIR SEHEN URSULA VON DER LEYEN / IM FERNSEHEN AUF IHRER SYRIENREISE / DEM ISLAMISTENFÜHRER OHNE BERÜHRUNG DIE HAND REICHEN / WIR SEHEN DEN ISLAMISTENFÜHRER AUF WESTLICHER WELTTOURNEE / ÜBERALL LACHT MAN MIT IHM IN DIE KAMERAS / VOR ALLEM IN DEN USA / HAHAHAHAHA / MAN HAT IHN JA VOR WENIGEN JAHREN / ALS ER NOCH BEI AL-QAIDA ODER AL-NUSRA ODER WO AUCH IMMER WAR / ALLES DIE GLEICHE SCHEISSE / GEJAGT / NAJA / SCHNEE VON GESTERN / JETZT HAT ER JA GLÜCKLICHERWEISE EINEN ANDEREN NAMEN / UND EINEN ANZUG AN / KLEIDER MACHEN BEKANNTLICH LEUTE HAHA.
In der Diaspora findet meine Gegenwalt im Takt von Nachrichten statt, die mich jedes Mal psychisch und ins Mark treffen – aber das muss ich aushalten, wenn die anderen die unmittelbare Gewalt, permanente Bomben aushalten müssen, die in der Diaspora auf meinem Bildschirm landen, der zerspringt, wie mein Herz. Einschläge, die einen immer wieder unterbrechen bei dem, was man eigentlich tun will und muss, die einen immer wieder lähmen, bis man sich wieder aufrafft und erinnert, dass man eine Aufgabe, eine Verantwortung hat von dem sicheren Platz aus, auf dem man sitzt.
In der Diaspora schlägt meine Gegenwalt im Takt von Schuldgefühlen physischer Sicherheit – vor den Panzern, den Drohnen, den Bomben jedenfalls; der Rest, zu dem kommen wir noch.
IN BAKÛR / NORDKURDISTAN / SEHEN WIR DIE MENSCHEN / GRENZZÄUNE NACH ROJAVA NIEDERREISSEN / SICH DER VERTEIDIGUNG ANSCHLIESSEN / OBWOHL SOLDATEN EINES NATO-STAATES / DABEI AUF SIE SCHIESSEN.
IN BAŞÛR / SÜDKURDISTAN / SEHEN WIR MILLIONEN AUF DEMONSTRATIONEN / LKW’S MIT HILFSGÜTERN VERLASSEN DIE AUTONOME REGION / ZIVILIST:INNEN / DIE SICH MIT DEN TRANSPORTERN AUF DEN WEG MACHEN / UM MIT IHREN KURDISCHEN GESCHWISTERN DIESE GEGEN DEN TERROR ZU VERTEIDIGEN.
AUS ROJHILAT / OSTKURDISTAN / SEHEN WIR LEIDER FAST NICHTS / ES STEHT SELBST MAL WIEDER SEIT WOCHEN UNTER BESCHUSS VON DER „ISLAMISCHEN REPUBLIK“ / DAS INTERNET / SEIT TAGEN ABGESTELLT / KEINE INFORMATION DRINGT NACH AUSSEN NICHTS / WIR WISSEN NICHT VIEL / NUR, DASS WIEDER VIELE MENSCHEN / VERBORGEN VOR DEN AUGEN DER WELTÖFFENTLICHKEIT ERMORDET WERDEN.
IN ROJAVA / WESTKURDISTAN / SEHEN WIR ALLE ZUSAMMEN / ZIVILIST:INNEN / VOLKSVERTEIDIGUNGSEINHEITEN / DEMOKRATISCHE KRÄFTE / IHRE DÖRFER / IHRE STÄDTE / IHR LEBEN VERTEIDIGEN.
IN EUROPA / KANADA / USA / WELTWEIT SEHEN WIR DIE KURDISCHE DIASPORA / JEDEN TAG / IN HUNDERTEN STÄDTEN ZU TAUSENDEN AUF DEN STRASSEN / WIR SEHEN IHRE VERZWEIFLUNG / IHREN KUMMER / IHREN SCHMERZ / IHRE SORGE UM ROJHILAT / UND ROJAVA – DILÊ KURDISTANÊ.[2]
JA ÜBERALL / HÖRT UND SIEHT MAN KURDISCHE GEGENWALT / DENN SOWOHL IN KURDISTAN / ALS AUCH IN DER DIASPORA / STEHEN DIE UHRZEIGER IMMER AUF:
2 + 2 = 1
UND IN DIESER DEUTLICHKEIT HAT DAMIT WOHL NIEMAND GERECHNET.
In Kurdistan bedeutet Gegenwalt, die Zeit wird einmal von außen und einmal von innen eingestellt. Von außen ist sie eine Waffe der Mächtigen: Ausgangssperren, willkürliche Verhaftungen, hunderte Jahre Gefängnisstrafen (ohne ein Verbrechen begangen zu haben), die die eigene Zeit- und Zukunftsplanung unmöglich machen. Die Uhr tickt nicht nach Minuten, sondern im Takt von Bombenangriffen aus internationaler Anfertigung, Vernichtungsrufen, der Bewegung von Drohnenmotoren und von Genoziden, im Takt von Wasserfluten, die aus Staudämmen herausströmen und Dörfer unter sich begraben, Vertreibungen in alle Himmelsrichtungen, Kontinente und Landesecken.
Aber die Zeit dazwischen, nach und vor den Explosionen, den Hassrufen, den Verfolgungen, Gefängnisstrafen, die gehört denen, die von all dem getroffen werden und die ihre Zeiger von innen nach außen ganz anders einstellen:
nach dem Takt ihrer Instrumente, ihrer Stimmen, die ständig singen, ihrer Körper, immer in Bewegung im govênd – Widerstands- und Freudentanz, bewegter Geschichte Erzählender, die er in sich trägt seit Jahrtausenden. Im Takt ihres Lachens, das sie trotz allem noch nicht verloren haben, im Takt des Frühlings, der den Rhythmus alles anderen dirigiert.
Sie alle sind Gegenwalt, gegen den Hass, in Kurdistan bedeutet Gegenwalt, die Zeiger stehen immer auf Widerstand, den man hören kann: Lêlêlêlêlêlê-Gesänge, gegen das Terroristengebrülle.
Ich denke wie immer: Die Gegenwalt kurdischer Frauen hört sich schön an, ohne etwas beschönigen zu wollen.
In der Diaspora schlägt Gegenwalt im Takt vom Beifall. Dafür, dass Kurd:innen immer so zäh und mutig der Vernichtung trotzen, wo wir eigentlich keine Bewunderung brauchen, keine Romantisierungen und Fetischisierungen; was wir brauchen, ist ein gerechtes Leben, in dem auch unsere Leben und Existenz anerkannt werden.
In der Diaspora pfeift die Gegenwalt wie ein Tinnitus in mir, von Menschen verursacht, die denken, Kurdischsein ist ein Trend oder eine Tracht, die man sich nach Belieben anziehen kann, wenn das Eigene einem zu langweilig oder uninteressant erscheint, die sie als eine Art Karneval der Folklore darstellen, mit Dingen vermischen, mit denen sie nichts zu tun haben; und wenn sie mal nicht zum Anlass oder der Laune passen, legt man sie wieder ab, schlüpft wieder in die Haut, die bequemer ist. Menschen, die sich bei anderen über kulturelle Aneignung beschweren und sich selbst, als Teil unserer direkten Unterdrücker und in Machtpositionen, unsere Kultur zu eigen machen wollen, die versuchen, unsere Traditionen nachzuahmen, sie in den Mund nehmen, ohne ihre tatsächliche Bedeutung zu kennen. Menschen, die nie wissen werden, was eine Realität bedeutet, in der man nirgends Gerechtigkeit kennt, in der die Welt einem nichts gibt, in der man nicht bei 0, sondern bei –50.000 beginnt, mit und in allem, egal wo man auf dieser Erde ist. In der einem die grundlegendsten Rechte verwehrt werden: das Recht, die eigene Muttersprache zu erlernen, sie ohne Angst sprechen zu können, eine Staatsbürgerschaft, Institutionen, die die eigene Arbeit, Geschichtsschreibung fördern. Eine Realität, die diese Menschen auch nicht kennen wollen, denn wenn die Bomben in Kurdistan fallen, sitzt man lieber in Bars, im Theater, anstatt auf Demonstrationen zu stehen, es betrifft einen ja nicht, aber unsere Klamotten, unsere Gesänge, unsere Tänze, die möchten man gerne anziehen.
IN KURDISTAN / FALLEN WIEDER EINMAL / INTERNATIONALE BOMBEN / IN ALLE ECKEN / WEST, OST, SÜD / NORD BRENNT ODER SITZT IM GEFÄNGNIS / ECKEN / DIE MIT DIESEN KONFLIKTEN / NIE ETWAS ZU TUN HABEN WOLLTEN / ABER IN DER MITTE ZWISCHEN DEN STREITPARTEIEN LIEGEND / GETRENNT DURCH KÜNSTLICHE STAATSGRENZEN / IMMER SIE ZUERST UND DIE AM HÄRTESTEN GETROFFENEN / JEDER KRIEG / EINE NEUE GELEGENHEIT / IN SEINEM SCHATTEN DIE DRECKSARBEIT – EIN GANZES VOLK MIT VERNICHTUNG ZU ÜBERZIEHEN / ZU ERLEDIGEN / KRIEGE / IN DEREN LICHT / VERKÜNDETE LÜGEN / NOCH MEHR ZU GEWALT DIENEN KÖNNEN / „WAHRHEITEN“ / DIE JEDEN TAG GEÄNDERT WERDEN / GESTERN HÄTTEN DIE MENSCHEN ANGEBLICH WAFFEN ERHALTEN / SAGT DAS SOGENANNTE NORDAMERIKA / IRAN / VIELE ARABER / TÜRKEN UNDSOWEITER / ANGEBLICH WOLLTEN KURD:INNEN MIT DEM SOGENANNTEN WESTEN / FÜR DEN SOGENANNTEN WESTEN KÄMPFEN / HEUTE DANN / WEIL DAS NICHT EINTRAF / HABE ES DIESE LIEFERUNGEN DOCH NIE GEGEBEN / DENN MAN WILL NICHT ZUGEBEN / DASS IN WAHREIT KURD:INNEN KEINE SÖLDNER:INNEN SIND / KEINE MARIONETTEN / DIE FÜR FREMDE STAATSINTERESSEN KÄMPFEN / DIE NICHT EINMAL EIN INTERESSE AN IHREN MENSCHENRECHTEN HABEN / DIE SIE GERADE ERST IN ROJAVA / FÜR ÖL / IMPERIALISMUS / ABSCHIEBEABKOMMEN / DEN TERRORISTEN ZUM FRASS VORWARFEN / DIE SIE DIE LETZTEN 13 JAHRE BEKÄMPFT HABEN / DASS SIE IN WAHRHEIT SOUVERÄNE AKTEUR:INNEN SIND / DIE UM IHRE EXISTENZ / EIN LEBEN IN WÜRDE / FÜR IHRE RECHTE KÄMPFEN.
IN DER DIASPORA UND IN KURDISTAN / ZU JEDER ZEIT / GEGENWALT /
1988 TÖTETE IN HELEBCE GIFTGAS AUF EINEN SCHLAG 5.000 MENSCHEN / CIRCA 180.000 WEITERE / DIE IN DEN JAHREN DAVOR UND DANACH / VON SADDAM / VOR ALLEM MIT EUROPÄISCHEN WAFFEN / ERMORDET WURDEN.
IN DÊRSIM 1937,1938 / SCHLICHEN GAS UND FEUER IN BERGHÖHLEN / IN DENEN ZIVILIST:INNEN SCHUTZ SUCHTEN / SPRANGEN FRAUEN UND KINDER VON KLIPPEN IN FLÜSSE / UM DER STAATSGEWALT / IN DIE SIE ANSONSTEN GEFALLEN WÄREN / ZU ENTKOMMEN / ROLLTEN VIEH- UND GÜTERWAGEN MIT MENSCHEN BELADEN / IN TODESKOMMANDO-ZENTRALEN.
IN AFRÎN WERDEN SEIT JAHREN KURDISCHE ZIVILIST:INNEN VON IHREM BODEN VERTRIEBEN / IHRE OLIVENBÄUME ABTRANSPORTIERT IN DIE FREMDE / IN DER SIE LEISE VOR KUMMER WELK WERDEN.
CIZÎRA-BOTAN 1992, 2012 / KOBANÊ 2014 – HEUTE / AMED 2016 / ZÎLANTAL 1926, DIE LISTE IST ENDLOS LANG / IN KURDISTAN UND IN DER DIASPORA / WERDEN IN GEFLÜCHTETENUNTERKÜNFTEN / KURDEN MIT MESSERN VON ANDEREN BEWOHNERN / WIEDER UND WIEDER ANGEGRIFFEN.
HALIM DENER / 1992 IN HANNOVER VON DER POLIZEI ERSCHOSSEN / NACHDEM ER GERADE ERST IN DEUTSCHLAND SCHUTZ VOR VERFOLGUNG GEFUNDEN HATTE.
AN WEIHNACHTEN 2023 / FALLEN IN PARIS SCHÜSSE / AUF UND UM EIN KULTURZENTRUM (MERRY CHRISTMAS) / AHMET KAYA / NAMENSGEBER / EINER UNSERER WICHTIGSTEN SÄNGER / UNVERWECHSELBARE STIMME / DER SELBST ZU FRÜH IN DIESER STADT IN DER FREMDE / IM HEIMWEH / IM EXIL / MIT EINEM GEBROCHENEN HERZEN / IM JAHR 2000 VON UNS GING / EINE ANDERE STIMME IM GLEICHEN MUSIKALISCHEN DIENSTE / DIE 23 JAHRE SPÄTER IN DER GLEICHEN STADT / WEGEN KRANKER HERZEN ERMORDET WURDE / MIT IHM ZWEI WEITERE PERSONEN / MACHT DREI LEBEN / DIE VOR IHRER ZEIT GENOMMEN WURDEN / GENAU ZEHN JAHRE NACHDEM IN DERSELBEN STADT / DREI KURDISCHE FRAUEN DER FREIHEIT / ERSCHOSSEN WURDEN DURCH GEISTERHAND / NIEMAND JE BESTRAFT / DREI MAL DREI / 2013, 2023 / IST DAS ZUFALL / IN HOLLAND 2024 / WOLLTEN HUNDERTE TÜRKISCHE FASCHISTEN / EIN HAUS MIT DUTZENDEN KINDERN DARIN ANZÜNDEN / WEIL SIE UND IHRE FAMILIEN / NEWROZ IN UNSEREN FARBEN: ROT, GELB, GRÜN / ALA RENGÎN[3] / FEIERTEN.
Welch bittere Ironie, denke ich mir, dass immer wieder überall unsere Dörfer und Häuser angezündet werden, sagt doch die Legende, dass Kurd:innen im Feuer geboren werden, seit ihre Vorfahren mit Feuer schon vor tausenden Jahren Licht über Gewaltherrschaft brachten, und dass sie seitdem darin zu leben gelernt haben.
Ich denke: Unsere Vergangenheit ist zyklisch, ändert mal Formen, lernt neue Techniken, aber ist all-gegenwältig.
Unsere Gegenwalt, egal wo, Diaspora, Kurdistan (ist überall), bedeutet immer, zur gleichen Zeit in der Vergangenheit und in der Gegenwart sein. Unsere Rückblenden sind bisher immer auch Vorblenden, und zwar unmittelbar, nicht nur als Nachwirkung. Andere sagen: the past is in the present. Als Kurdin weiß ich: the past is the present and the future must become something different.
Als Kurd:in bedeutet Gegenwalt, alles muss und passiert immer in einer Gleichzeitigkeit, es gibt keine Zeit des Glücks, keine Zeit der Trauer, keine Zeit der Heilung, weil immer wieder neue alte Gewalt dazukommt. Aber man versucht gleichzeitig, trotz allem und erst recht ein möglichst gutes, glückliches Leben zu führen, weil das die größte Rache ist an denen, die einen auslöschen wollen, man versucht etwas aus sich zu machen, das den anderen, denen es nicht so gut geht, zugutekommen kann, denn: Unsere Gegenwalt ist nicht nur ein Kontinuum politischer Gewalt, sondern wir sind Gegenwalt, ein Kontinuum des Widerstands gegen all die Ungerechtigkeit, die Verbrechen, den Hass.
In der Diaspora findet meine Gegenwalt gegen die permanente äußere Gegenwalt im Rhythmus meiner Sätze statt, in meiner Handlungsmacht, die sich durch meine Hände entfaltet, die versuchen, unsere gestohlene Zeit, unsere gestohlenen Geschichten zumindest bruchstückhaft zu Papier zu bringen, doch niemals werden sie – die Hände und die Seiten – alles halten können.
Diese Art der Gegenwalt ist immer eine kollektive, ich kann sie mir im Schreiben, ob gestern oder heute, nie als meine eigene, individuelle leisten, weil das Privileg – schreiben zu können, ohne verhaftet zu werden, schreiben zu können, ohne Bombeneinschläge zu zählen, schreiben zu können, ohne dem Tod ins Auge zu blicken, schreiben zu können, ohne seine Kinder vor Terroristen beschützen zu müssen, schreiben zu können – Verantwortung mit sich bringt: gegen die systematische Unsichtbarmachung anzuschreiben, eine Widersetzung zu sein, einen Teil zur eigenen Geschichtsschreibung beizutragen, aber immer darauf zu achten, nichts zu vereinnahmen aus der Entfernung, nicht anmaßend zu werden, die eigenen Sätze immer wieder zu überprüfen.
Gegenwalt, allerorts, zu jeder Zeit, aber unsere Zukunft heißt hoffentlich einmal: Gegenwart.
[1] Kurdisch: „Die Welt ist ein Verräter, die Welt ist ein Lügner. Außer unseren Bergen habe wir keine Freunde.“
[2] Kurdisch: „Das Herz Kurdistans“.
[3] Die kurdischen Farben.