Anuri Tharayil
Im Sommer kämpfen die Krähen
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[Inhaltshinweis: Der folgende Text beschäftigt sich mit imperialer und sexueller Gewalt.]
1
Lazarett im Berg
Morgens saugen wir an Klingen und schlucken. Wir tasten uns ab nach Schäden, falten uns auf wie einen Geldschein vor dem Tausch. Wir suchen nach Öffnungen in der Haut, um zu unseren Innereien vorzudringen, doch unsere Hände haben keine Augen. Und: Hier drinnen ist es dunkel, man kann sich leicht verirren.
Am 14. Dezember 2003 stehen wir vor dem Lazarett im Kirchberg. Wir schauen hoch zum Balkon des Landstuhl Regional Medical Center, woher die amerikanischen Soldaten winken. Nein, am 14. Dezember 2003 stehen wir neben unserem Vater und vor dem Fernseher, woher die Menschen im Irak winken. Unser Vater kann nichts von Antiimperialismus hören, er reibt eine alte Wunde: In den 80er-Jahren im Süden Iraks wurde sein Freund und Arbeitskollege vom Regime entführt. Er hat ihn nie wieder gesehen. Unser Vater kann nichts hören. Er ruft laut nach dem Tod des Diktators, nach der Auslöschung seiner Blutlinie.
Morgens saugen wir an Klingen und weinen in ein Gänsefederkissen. Wir geben vor, einmal anders gewesen zu sein, in Wirklichkeit waren wir nie orientiert. Alles war immer ein Schwindel. Wir tasten uns ab nach Schäden, falten uns auf wie einen Geldschein vor dem Tausch. Hier sind wir, da die Wand und jenseits der Fenster die Stadt. Erst ist Januar in Berlin, dann August.
Nicht alle Linien sind Grenzen. Von Bagdad bis zum Kirchberg in Rheinland-Pfalz sind es 3’517,45 km. Von Kabul bis zum Kirchberg in Rheinland-Pfalz sind es 5’197,17 km. Vom Kirchberg in Rheinland-Pfalz bis nach Washington D.C. sind es 6’485,77 km. Mitten auf dem Kirchberg in Rheinland-Pfalz, wo von 1938 bis 1945 die NS-Ausleseschule „Adolf-Hitler-Schule“ stand, befindet sich heute das größte US-amerikanische Lazarett außerhalb der Vereinigten Staaten. Es ist in der amerikanischen Militärrettungskette von zentraler Bedeutung: Schwerverletzte Soldaten aus Irak und Afghanistan wurden von den Kriegsgebieten zur Erstversorgung schnellstmöglich in das Lazarett im Berg verbracht. Nachdem ihr Zustand stabilisiert wurde, wurden sie zur Rehabilitation nach Maryland verlegt.
Speichel auf dem Kissenbezug, also wenden wir es. Unsere Freunde bewahren unsere Klingen auf, während wir die Dinge wenden. Das Phone verkündet einen Tag und eine Zeit, in Wirklichkeit war es immer ein Schwindel. Sevens Worte wachen abends über uns, klein gerahmt über dem Bett: Rest in this security / I cut the world / to let you sleep.
Unsere Freunde bewahren unsere Klingen auf, eure Freunde lagern eure Nuklearsprengköpfe. Vom Kirchberg in Rheinland-Pfalz schauen wir nach Norden: Unweit des amerikanischen Lazaretts sehen wir die amerikanische Luftwaffenbasis Ramstein. Es ist der 17. Februar 2003. In einem Monat wird die Invasion des Iraks durch das US-Militär beginnen, mit der Begründung, der Diktator Saddam Hussein sei im Besitz von Massenvernichtungswaffen.
„Erneut“, müsste man sagen. Saddam Husseins Luftwaffe setzte 1988 im Giftgasangriff auf Halabdscha, eine Stadt in Kurdistan, chemische Massenvernichtungswaffen ein. Das Massaker tötete mindestens 5’000 Kurdinnen und Kurden. Sowohl die Anlagen als auch die Materialien, die zur Produktion seines Giftgasarsenals verwendet wurden, erhielt das Regime Saddam Husseins zwischen 1983 und 1985 größtenteils von deutschen Firmen.
Massacre by proxy, but that’s neither here nor there. „Das ist weder hier noch dort.“
„Hier“ ist: eine Straße in Mailand. Es ist der Vormittag des 17. Februars 2003. Osama Mostafa Hassan Nasr (oder Abu Omar) ist auf dem Weg zu seiner Moschee, als er von den Carabinieri angehalten wird. Kurz darauf wird er von CIA-Agenten in ein weißes Fahrzeug gezerrt. Die CIA entführt den unter Terrorverdacht stehenden Imam, und ein geleastes Geschäftsreiseflugzeug verlässt einige Stunden später die NATO- Militärstation im norditalienischen Aviano in Richtung Rheinland-Pfalz.
Vom Kirchberg schauen wir nach Norden. Unweit des amerikanischen Lazaretts sehen wir die amerikanische Luftwaffenbasis Ramstein. Möglicherweise hören wir das Flugzeug, möglicherweise sehen wir, wie es da langsam vom Himmel fällt – 3,71 km Luftlinie. Möglicherweise sehen wir, wie der Entführte auf der Militärstation in Rheinland-Pfalz noch am Abend desselben Tages in einen Langstreckenflieger verfrachtet wird. Möglicherweise sehen wir auch diese Maschine, wie sie langsam gen Himmel steigt und Richtung Ägypten fliegt. Nur die CIA-Agenten sehen wir nicht. Ihre Gesichter und Namen werden für immer verdeckt bleiben.
Abu Omar wird in Ägypten 14 Monate lang ohne Anklage oder Prozess gefangen gehalten. Während seiner Haft wird er gefoltert; der Kontakt mit Familie und Anwälten wird ihm verwehrt. Deutsche Ermittlungen zu dieser Menschenrechtsverletzung führen ins Leere, da die Namen der beteiligten CIA-Agenten weder von den italienischen noch von den amerikanischen Behörden freigegeben werden. Auch die Frage nach deutscher Mittäterschaft scheint rechtlich nicht relevant.
Torture by proxy, but that’s neither here nor there. „Das ist weder hier noch dort.“
Nicht alle Linien sind Grenzen. Hier ist Washington, dort Sanaa. 11’440,39 km Luftlinie. Hier ist Washington, dort Mogadischu. 12’589,85 km Luftlinie. Hier ist Washington, dort Islamabad. 11’371,71 km Luftlinie. Neither here nor there, weder hier noch dort ist die US-Militärbasis Ramstein in Rheinland-Pfalz. Sie befindet sich im Dazwischen.
Wir stehen vor dem Balkon des Lazaretts und sehen die winkenden Soldaten. Wir schauen nach Norden und hören die Kampfjets, die auf der Luftwaffenbasis starten. Sie alle markieren die Grauzone der geopolitischen Landschaft, wo die westliche Behauptung von Ordnung und Gerechtigkeit, der Glaube an universelle Menschenrechte floskelhaft, wo die Regelvernarrtheit und somit unser Selbstverständnis bedeutungslos werden.
MQ-1 Predator, MQ-9 Reaper. Der Drohnenkrieg, der unter der Führung Barack Obamas massiv ausgebaut wurde, wäre ohne Ramstein nicht möglich. Washington würde, um die zehntausenden außergerichtlichen Hinrichtungen via Drohnen zu vollstrecken, zwei oder mehr Satelliten benötigen. Die Latenz der Sensorensignale würde diese Morde verhindern – wäre da nicht die deutsche Leihgabe Ramstein in Rheinland-Pfalz, ein wahrer Nicht-Ort, wo juristische und journalistische Nachforschungen ohne Konsequenzen bleiben. Washington wählt sich über Ramstein ein.
Neither here nor there. Und doch können wir sie sehen. Die Grauzone, wo Beihilfe – zum Massenmord, zu Kriegsverbrechen, zum Genozid – nicht Beihilfe heißt. Wo der Grad der Komplexität, der zur Analyse der „barbarischen“ Handlungen anderer herbeigezogen wird, schlicht und einfach nicht mehr ausreicht, weil die Dinge nun plötzlich „komplizierter“ sind. Wagen wir es, diese Grauzone zu befragen, dann wird möglicherweise mit Schulterzucken oder Flucht in die Semantik geantwortet. Möglicherweise entfallen alle weltlichen Erklärungen – und in diesem äußersten rhetorischen und ideologischen Notfall werden wir an die Notwendigkeit der „transatlantischen Freundschaft“ oder an den „Preis für unsere Freiheit“ erinnert. Wenn alle Stricke reißen, wird der gerechte Zorn eines christlichen Gottes beschworen.
Und doch: Wir schauen nach Norden. Wir können sie sehen, die Grauzone. Sie ist nicht abstrakt. In Ramstein in Rheinland-Pfalz wird sie von hohen Mauern, Stacheldraht und Soldaten bewacht.
2
Stranger in the Bay
Wir tasten uns ab nach Schäden, falten uns auf wie einen Geldschein vor dem Tausch. Erst ist Januar in Berlin, dann August. Im Sommer kämpfen die Krähen in Moabit um Brotkrumen. Wir schauen auf die Polizeibarrikade, auf die U-Bahn-Gleise, auf die Flaktürme im Norden. Der Takt gibt nicht nach, und der Schlagstock in unserem Schoß ist ohne Gnade.
Am 4. Juli 1946 werden die Philippinen unabhängig. Die US-Marinebasis Subic Bay und die angrenzende Olongapo City bleiben unter der Kontrolle der Amerikaner. Die Meeresbucht sieht tausende US-Schiffe kommen und gehen. Millionen Soldaten sind in den kommenden Jahrzehnten, mal länger, mal kürzer, hier stationiert, was den Industrieschwerpunkt von Olongapo City massiv beeinflusst: Während die 60er-Jahre weitgehend landwirtschaftlich geprägt sind, weitet sich die Sexindustrie bis Mitte der 70er massiv aus. Unter Soldaten wird Olongapo berüchtigt.
DangerousResearch236: It's fucking Disney land for adults bro.
KindCraft4676: We would sleep till dinner time. And then head out into town. We would drink all night, pay the bar fine of one of girls, screw, drink some more, and then maybe screw some more.
T_Remington: I was there in 1984 […] my fellow Marines gave me my call sign, "CHAOS” C.ant H.andle A.nother O.riental S.tripper I had a great time there and have some great, albeit a bit fucked up, memories of the place which I‘ll take to my grave.
Das günstige San Miguel und die Jugendprostitution bringen die Veteranen bis heute noch zum Schwelgen. Koloniale, rassistische und misogyne Fantasien der Unterwerfung durchziehen das Redditforum des US Marine Corps, wo unter gleichgesinnten Soldaten Erinnerungen angedeutet werden, die man mit ins Grab nehmen wird.
Im Sommer kämpfen die Krähen. Wir gehen spätabends alleine durch den Park. Die Rauchschwaden und der Haschgeruch sind die einzige Spur, die wir hinterlassen. Ansonsten werden wir, wie die Flaktürme, zu Schemen in der Dämmerung. Heimlich, wie das offene Haar unsere Schultern, wie der Wind unseren Bauch streift. Wir setzen uns vor dem sogenannten Rosengarten am Fuß des Bunkers auf eine Bank. Ob der Mann, der sich neben uns setzt, älter oder jünger ist als unser Vater, wissen wir nicht. Wir haben keine gemeinsame Sprache. Doch bevor er seine Hand in unseren Schoß legt, gibt er sich als Freund aus.
Am Abend des 11. Oktobers 2014 überquert der 19-jährige amerikanische Marinesoldat Joseph Scott Pemberton die Brücke zwischen der Marinebasis Subic Bay und Olongapo City, um sich in der Stadt zu vergnügen. Im Ambyanz, einer für die Sexarbeit bekannten Bar, trifft er auf Jennifer Laude. Wenige Zeit später checkt Pemberton mit Jennifer in ein nahegelegenes Hotel ein. Im Hotelzimmer handelt Pemberton den Preis für Jennifers Zeit von 5’000 Pesos auf 1’000 Pesos (oder 25 Dollar) herunter. Der Hotelpage sieht, wie er das Zimmer 30 Minuten später alleine verlässt. Beinahe gleichmütig lässt er die Hotelzimmertür hinter sich offen. Jennifer Laudes lebloser Körper wird im Bad des Zimmers aufgefunden, ihr Kopf in der Kloschüssel. Sie wurde zu Tode gewürgt. Pemberton eilt zurück zur Marinebasis, um noch vor der nächtlichen Ausgangssperre auf dem Schiff zu sein. Auf dem Bug des Schiffs, weitab von lauschenden Ohren, weiht er einen befreundeten Marinesoldaten ein. It had a dick. I think I killed a he/she. Seinem Freund gesteht er, dass er so wütend wurde, dass er „it“ von hinten erwürgte.
Wir haben keine gemeinsame Sprache, doch er gibt sich als Freund aus. Als wir ihm ins Gebüsch folgen, können wir die Züge im Gesundbrunnen noch ein- und ausfahren hören. Der Mann hält unseren Kopf gegen seine Brust. Heimlich, wie er härter wird in unserer Hand. Wir fragen uns, ob die Angst, die wir spüren, unsere eigene ist. Wir denken an Jennifer. Obwohl wir dem Mann nicht geben können, was er will, drückt er uns zum Abschied fürsorglich.
Der Mord an Jennifer Laude ist emblematisch für das jahrhundertealte Machtgefälle zwischen den USA und den Philippinen – und für die sexuelle Gewalt, welcher die philippinischen Frauen und Mädchen seit Generationen ausgesetzt sind. Möglicherweise ist dies der Grund, warum Transaktivistinnen und antikoloniale Demonstrantinnen gemeinsam mit Jennifers Familie alles versuchen, um Laude nicht zu einer Statistik werden zu lassen. Auf einem Banner lesen wir: Justice for Laude, For the Filipino People.
Dass die US-Regierung Pemberton nicht ausliefern will, ist nicht überraschend. Vorhersehbar ist auch, dass Pemberton sein Verbrechen mit Trans Panic rechtfertigt; zumal Gewalt, die freigesetzt wird, wenn Transfrauen ihr Transsein teilen, seit hunderten Jahren von verschiedensten Rechtsstaaten als rational erachtet wird. Dass Trans Panic als Rechtsverteidigung von Gerichten zugelassen wird, erschafft und legitimiert erst, was zwar manchmal tragisch, jedoch stets apriorisch scheint: die „inhärente Tötbarkeit“ von Transkörpern. Sie ist ein Muster – erfunden und wieder und wieder bekräftigt.
MikeColeman: If the freak was portraying itself as a woman and failed to disclose this then I hold no malice towards the Marine.
JustinDarling: Justified homicide. The dude should get the red carpet treatment back to America. You’re playing with fire when you lie to people about what you are…
In Olongapo City, wo ein von der US-Regierung geschützter Soldat Jennifer Laude ermordete, ist dieses Muster untrennbar von der Perversion des Imperialismus.
3
Jennifer Laude
„In unserer Freundesgruppe stach sie heraus.“ In Wirklichkeit können nur ihre Angehörigen und ihre Freundinnen uns sagen, wer sie war. „Sie war so intelligent und extrem elegant. Sie war diejenige, auf die wir hörten.“Wir sehen Jennifer. Möglicherweise filmt sie sich selbst. Sie ist umwerfend schön und ihr Selbstvertrauen scheint ansteckend. „Sie kochte gern. Und sie liebte es zu singen. Sie arbeitete in einem Schönheitssalon. Jeden Monat schickte sie mir Geld.“Wir sehen, wie sie der Kamera zuwinkt. In einem roten Kleid dreht sie uns mühelos den Rücken zu und schaut über ihre Schulter zurück.
„Sie war meine Tochter.“ Eins steht außer Frage: Jennifer Laudes Feminität war keinesfalls eine Schwäche – sondern vielmehr eine unerschöpfliche Quelle von Kraft, die fortbesteht. „Ich träumte, wir waren nachts auf dem Markt. Als ich mich umsah, war Auntie Jen neben uns. Sie trug etwas Rotes. Ich war so glücklich.“[1]
[1] Der Film Call Her Ganda (2018) von PJ Raval und das Buch A Short History of Trans Misogyny (2024) von Jules Gill-Peterson seien an dieser Stelle wärmstens empfohlen. Beide Werke haben mich zur zweiten Hälfte dieses Textes inspiriert.