WORTMELDUNGEN-Literaturpreis Shortlist 2022

Die interdisziplinär besetzte Jury hat fünf Titel für die Shortlist des WORTMELDUNGEN-Literaturpreises 2022 nominiert. Das ist ihre Begründung: "Während die Öffentlichkeit von ständig neuen Schauplätzen heutiger Krisen und Katastrophen erfährt, spürt die Literatur den Verwerfungen unserer Zeit an mitunter wenig beachteten Orten nach. Gefühle der Zerrissenheit, dystopische Phantasien, aber auch Sehnsüchte nach gelingenden Lebensmomenten nehmen hier eine fassliche Gestalt an. Davon zeugen die fünf Texte, welche die Jury des Wortmeldungen-Literaturpreises 2022 in ihre Shortlist aufgenommen hat. Mal experimentell, dann wieder lakonisch oder im Stil einer Reportage verfasst, suchen die ausgewählten Arbeiten die Geisterschlösser des Neoliberalismus auf, entwerfen Topographien der Gewalt, legen in den engen Räumen von Pflegestationen emotionale Untiefen frei, spüren im Hamburger Hafen migrantischen Arbeitsbiographien nach und verteidigen aus dem Exil heraus die poetische Sprache gegen die Sprachpolitik von Autokratien. Fünf Texte, die uns die Gegenwart in eindrücklichster Weise nahebringen. Fünf Texte, die beispielhaft sind für die beschreibende, die reflektierende und auch die protestierende Kraft der Literatur."

Am 10. Februar stellen die fünf Autor:innen sich und ihre nominierten Texte im Literaturhaus Frankfurt vor. Das Publikum kann die Autor:innen in konzentrierten Einzelgesprächen kennen lernen, die von den Moderator:innen Anna Engel, Fridtjof Küchemann, Miryam Schellbach, Christoph Schröder und Shirin Sojitrawalla geführt werden, sowie Ausschnitte aus ihren Texten hören. Der Abend findet als Hybridveranstaltung statt. Alle weiteren Informationen zum Abend und Tickets gibt es direkt beim Literaturhaus Frankfurt:  WORTMELDUNGEN - DER GROSSE SHORTLIST-ABEND

hr2-kultur zeichnet den Abend auf und sendet die Gespräche und Lesungen in zwei Teilen in Literaturland Hessen am 27.02. um 12:04 und 05.03.2022 um 18:04. Weitere Informationen folgen.

 

Theresia Enzensberger

Auf dem Berg des magischen Denkens

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Theresia Enzensberger hat Film und Filmwissenschaft am Bard College in New York studiert und schreibt als freie Autorin unter anderem für die FAZ, FAS, Monopol, ZEIT Online und ZEIT. 2014 gründete sie das BLOCK Magazin, das 2016 bei den Lead Awards als bestes Newcomer-Magazin ausgezeichnet wurde. 2017 erschien ihr erster Roman Blaupause beim Hanser Verlag. Er wurde in mehrere Sprachen übersetzt und mit der Alfred Döblin-Medaille ausgezeichnet. Sie lebt und arbeitet in Berlin.

„Theresia Enzensberger gelingt es, auf erzählerische Weise zum Ursprung des Neoliberalismus zu reisen. Dabei verknüpft sie gekonnt eigenes Erleben mit einer sachlichen Betrachtung des Themas und schließt vom Kleinen, Beobachteten auf das große Ganze. Was entsteht, ist eine kritische Betrachtung von Neoliberalismus, eine distanzierte Positionierung, ohne diese politische und wirtschaftliche Strömung zu verdammen.“ (Begründung der Jury) 

Valerie Fritsch

Die Dame mit dem Zuckerfuß

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Valerie Fritsch ist Schriftstellerin, Polaroidphotokünstlerin und Reisende von Afrika bis in den wilden Osten. Sie wurde mit zahlreichen Literaturpreisen ausgezeichnet, zuletzt mit dem Peter Rosegger Preis des Landes Steiermark und dem Brüder Grimm Preis der Stadt Hanau 2021. Ihr letzter Roman Herzklappen von Johnson & Johnson ist bei Suhrkamp erschienen und stand auf der Longlist des Deutschen Buchpreises 2020.

„Wir wissen nicht viel von den handelnden Personen in Valerie Fritschs intensiver Erzählung, kommen ihnen aber trotzdem sehr nah. Die Geschichte zieht die Leser:innen in den Bann und so mit in die sehr genau beschriebene Existenz der Altenpflegerin Agata, ihren Patient:innen und Angehörigen. Valerie Fritsch gelingt eine berührende, kitschfreie Innensicht in eine Welt, die im gesellschaftlichen Diskurs fast nur noch ökonomisch wahrgenommen wird.“ (Begründung der Jury) 

Joshua Groß

Männer mit Waffen

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Joshua Groß studierte Politikwissenschaft, Ökonomie und Ethik der Textkulturen. Er wurde mehrfach ausgezeichnet, zuletzt mit dem Anna Seghers-Preis 2019, dem Hölderlin Förderpreis 2021, dem Literaturpreis der A und A Kulturstiftung 2021 sowie mit einem Aufenthaltsstipendium des Literarischen Colloquium Berlin 2021. Bei Matthes & Seitz erschienen Flexen in Miami und Entkommen.

„Es geht um Radikalität, die Versuchungen der Gewalt, die Koketterie mit der Gewalt in der Kunst und die vulgäre Banalität der Gewalt, wenn sie sich in das alltägliche Leben schmiegt: Joshua Groß‘ Männer mit Waffen erfüllt das Ideal eines aufregenden Essays: Er gewinnt eine eigene Sprache und Form, durch die plötzlich ganz Anderes und Neues in der Welt beobachtbar wird. Darin ist Joshua Groß ein Meister, ein Avantgarde-Meister!“ (Begründung der Jury) 

Volha Hapeyeva

Die Verteidigung der Poesie in Zeiten dauernden Exils

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Volha Hapeyeva, geboren in Minsk (Belarus), ist Lyrikerin, Autorin, Übersetzerin und promovierte Linguistin. Für ihr Werk erhielt sie zahlreiche Preise und Auszeichnungen. Ihre Gedichte wurden in mehr als 15 Sprachen übertragen, sie wurden in den USA, Österreich, Deutschland, Polen, Georgien, Litauen und anderen Ländern veröffentlicht. Auf Deutsch erschienen der Lyrikband Mutantengarten (Edition Thanhäuser, 2020) und der Roman Camel-Travel (Droschl Verlag, 2021). In Zusammenarbeit mit Künstler:innen der elektronischen Musik veranstaltet sie audiovisuelle Performances. 2019/2020 war Volha Hapeyeva Stadtschreiberin von Graz. 2021/2022 ist sie Stipendiatin des PEN-Zentrums Deutschland.

„Aus ihrer persönlichen Situation als belarussische Autorin im Exil heraus denkt Volha Hapeyeva in ihrem Essay über Macht und Gewalt nach und fragt, welche Rolle die Sprache dabei spielt. Sie demonstriert manipulative Wendungen, Euphemismen und Hassreden. Gleichzeitig entwickelt sie eine Gegenbewegung, eine Praxis des poetischen, des nomadischen Denkens. In ihrem aufwühlenden Text legt sie den Tatbeweis vor, dass Sprache eine andere Realität schaffen kann und muss, eine Realität des Widerstands.“ (Begründung der Jury) 

Deniz Utlu

Der unsichtbare Hafen

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Deniz Utlu lebt in Berlin. Er studierte Volkswirtschaftslehre an der Freien Universität Berlin sowie an der Université Paris 1 Panthéon-Sorbonne. 2014 veröffentlichte er seinen ersten Roman Die Ungehaltenen, der 2015 am Maxim Gorki Theater für die Bühne adaptiert wurde. 2019 erschien sein zweiter Roman Gegen Morgen beim Suhrkamp Verlag. Seine Essays wurden im Feuilleton (FAZ, SZ, Tagesspiegel, Der Spiegel, Der Freitag) und in Anthologien veröffentlicht (zuletzt: Eure Heimat ist unser Albtraum; Wir. Gestern. Heute. Hier). Von 2003 bis 2014 gab er das Kultur- und Gesellschaftsmagazin freitext heraus. Außerdem kuratiert er die Literaturreihe Prosa der Verhältnisse am Maxim Gorki Theater. Zuletzt erhielt er den Alfred-Döblin-Preis 2021.

„In einer literarischen Kamerafahrt durch den Hamburger Hafen erzählt Deniz Utlu eine etwas andere Geschichte der Migration. Seine große Kunst besteht in der atmosphärischen Verdichtung jenes Ortes, an dem der eigene Vater vor 59 Jahren mit dem Schiff und mit ein paar Hoffnungen in Deutschland ankam. Bild für Bild ist man Teil einer Reise durch modernisierte Arbeitswelten und in die Vergangenheit. Deniz Utlus Text ist eine literarische Vatersuche, in deren präzisen Sätzen die großen politischen Zusammenhänge immer mitschwingen.“ (Begründung der Jury) 

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